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Archiv der Kategorie Arbeitskreis Stolpersteine Gelsenkirchen

Stigma “Asozial” - Erinnerung an Ausgegrenzte

Verfolgung und Ermordung so genannter “Asozialer”

Mit der Machtübergabe an die Nazis begann 1933 auch die Verfolgung und Ausgrenzung der als “Asoziale” definierte Menschen. Der Sammelbegriff “Asoziale” war eine übliche Bezeichnung für die als “minderwertig” qualifizierte Menschen aus den sozialen Unterschichten (so genannte “Ballastexistenzen”), die nach NS-Auffassung Randgruppen zugehörten sowie “schwere Leistungs- und Anpassungsdefizite” aufgewiesen hätten. Menschen und Menschengruppen wurden so als Ressourcen verbrauchende “Schädlinge” und “unnütze Esser” etikettiert, für die die als “gutwillig” und “fleißig” bezeichnete Mehrheit der “Volksgemeinschaft” zu ihrem Nachteil aufkommen müsse. Wer sich nicht in die Nazi-Schablonen pressen ließ, wurde schnell als “Asozialer” bezeichnet und verfolgt.

Als “asozial” galt laut einem Grunderlass zur “Vorbeugenden Verbrechensbekämpfung” vom 14. Dezember 1937: “(…) wer durch sein gemeinschaftswidriges, wenn auch nicht verbrecherisches Verhalten zeigt, dass er sich nicht in die Gemeinschaft einfügen (…), sich der in einem nationalsozialistischen Staat selbstverständlichen Ordnung fügen will” (…). So wurden beispielsweise Bettler, Wohnungslose, Wandermusiker, Trinker, Prostituierte, Heimzöglinge, Fürsorgeempfänger oder Jugendliche und Frauen aus unteren Schichten als “Asoziale”, “Gemeinschaftsfremde” und “Volksschädlinge” diffamiert, dazu gehörten auch Personen, die mit Unterhaltszahlungen im Rückstand waren (so genannte “säumige Nährpflichtige”) und auch Homosexuelle. 

Der Zwang zum tragen des schwarzen Winkels sprach auch diesen KZ-Häftlingen das Menschsein ab
Abb.: Der Zwang zum tragen des schwarzen Winkels sprach auch diesen KZ-Häftlingen das Menschsein ab

Bedingt durch die Organisationsstrukturen der NS-Verfolgungsbehörden wirkten arbeitsteilig verschiedene Beamte am Gesamtprozess der Verfolgung, Ausgrenzung und Ermordung einzelner Menschengruppen mit. Hauptakteure in verschiedenen Funktionen waren in Gelsenkirchen unter anderem Dr. Friederich Wendenburg, Paul Schossier, Dr. Heinrich Hübner, Fritz Capelle, Heinrich Beßmann, Fritz Schenk, Heinrich Schmidtkamp, Dr. Otto Schäfer, Dr. Wilhelm Schumacher, Peter Stangier und Carl Böhmer.

Verschiedene Stellen der staatlichen Verfolgungsbehörden gingen dabei auch gezielt gegen Jugendliche vor, die sich in Familie und Schule, in den Jugendorganisationen und in ihrer Freizeit nicht so verhielten wie die Nazis es von ihnen verlangten. Dies betraf zum Beispiel Jugendliche, die gegenüber Eltern oder Lehrern aufmüpfig waren, die den Dienst in der “Hitlerjugend” (HJ) und dem “Bund deutscher Mädel” (BDM) verweigerten oder wegen Ungehorsam ausgeschlossen worden waren, die nicht so schnell und so viel arbeiten wollten wie andere, die homosexuell waren oder ein freieres Sexualleben haben wollten. Wer sich dem nicht fügte, hatte mit Zwangsmaßnahmen, Schikanen und der Unterbringung in einer sogenannten “Fürsorgeanstalt” zu rechnen.

Die Entscheidung, ob ein “gemeinschaftswidriges Verhalten” vorlag, lag dabei allein bei den Ordnungs- und Polizeibehörden. Betroffen waren somit alle Personen, die nicht in das Konzept der “NS-Volksgemeinschaft” passten - dass führte natürlich auch zu willkürlichen Einweisungen in die KZ. Als Einweisungsbehörde konnte die Kriminalpolizei tätig werden, ohne dass eine Straftat vorlag - allein ein Verdacht reichte aus.

In das Konzentrationslager Dachau konnten bereits in den ersten Jahren des NS-Terrorregimes so genannte “asoziale” Häftlinge auf Antrag von Fürsorgeämtern eingewiesen werden. Im Rahmen der “Aktion Arbeitsscheu Reich” kam es im Frühjahr und Sommer 1938 zu einer Verhaftungswelle, die einen Höhepunkt in der “Asozialenverfolgung” des NS-Staates darstellte. Mehr als 10.000 Roma und Sinti, Juden und “deutschblütige Asoziale” wurden bei dieser “Aktion” in Konzentrationslager verschleppt, davon 6.000 im Juli 1938 in das KZ Sachsenhausen. Sie wurden in den Lagern mit einem schwarzen Winkel auf der Häftlingskleidung markiert und bildeten in den KZ eigene Häftlingsgruppen, die in der KZ-Hierarchie ganz unten standen. Die Sterberate unter diesen Häftlingen war besonders hoch.

Keine Rehabilitation und Entschädigung der NS-Opfer

Die als “Asoziale” Verfolgten galten nach 1945 nicht als NS-Opfer, sondern als Krimminelle und waren so von jeglicher Anerkennung und Entschädigung ausgeschlossen - nicht so ihre ehemaligen Verfolger, die sich über üppige Renten und Pensionen freuen konnten. Erst als es für die meisten der NS-Opfer schon zu spät war, führten einige Bundesländer Härtefallregelungen ein. Es haben bis heute 163 “Asoziale”, 17 “Arbeitsverweigerer”, 24 “Arbeitsscheue” und 1 “Landstreicher” jeweils eine Einmalzahlung in Höhe von knapp 2500 Euro erhalten - 205 Menschen von mehreren Zehntausend Verfolgten. Nicht die Tatsache des erlittenen Unrechts und der Verfolgung bzw. ihre Schwere entschied letztlich über die Einbeziehung in die “Wiedergutmachung”, sondern Beweggründe der früheren Verfolger im Rahmen eines fortbestehenden gesellschaftlichen Kontextes. Die Zuschreibung “Asozial” in den Opferakten existiert noch immer, auch bei inzwischen Verstorbenen.

Stolpersteine

An die bisher wenigen namentlich bekannten, unter dem Vorwurf der “Asozialität” verfolgten Menschen aus Gelsenkirchen sollen bald Stolpersteine im Stadtgebiet verlegt werden. Recherchen der Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen in den Akten des KZ Dachau führten jetzt auf die Spuren der Leidenswege der Gelsenkirchener Josef Kendzierski aus Rotthausen, Walter Klüter aus der Feldmark, Erich Mosdzinski aus Buer und Heinrich Roth aus der Altstadt, die von den Nazis als “Asozial” gebrandmarkt im Konzentrationslager Dachau ermordet wurden. Das diesen Menschen geschehene Unrecht soll nicht vergessen werden.

Stolperstein für Widerstandskämpfer

Ein Stolperstein für Karl Delbeck

Für den kommunistischen Widerstandskämpfer Karl Delbeck wird in Gelsenkirchen ein Stolperstein verlegt. Bereits in den Dreißiger Jahren wurde Karl Delbeck erstmals wegen seines aktiven Widerstands gegen das Nazi-Regime verhaftet und von der Gestapo brutal gefoltert. Die nachfolgende Haft wurde u.a. in den Gefängnissen Gelsenkirchen und Münster vollstreckt. Danach war Delbeck weiter in der Arbeiterbewegung aktiv. Als Angehöriger der Wiederstandsgruppe um den Kommunisten Franz Zielasko wurde Karl Delbeck im Juli 1944 vom so genannten “Volksgerichtshof” wegen “Vorbereitung zum Hochverrat und Feindbegünstigung” zum Tode verurteilt. Im berüchtigten Gefängnis München-Stadelheim wartete er auf seine Hinrichtung, deren Vollstreckung wegen eines Wiederaufnahmeantrages ausgesetzt wurde. Während eines Todesmarsches von Stadelheim nach Dachau wurde Karl Delbeck schließlich von den Alliierten befreit. Karl Delbeck war einer von drei überlebenden Gelsenkirchener Widerständlern aus der Zielasko-Gruppe.

Ein Stolperstein für Karl Delbeck

Ausschnitt aus dem Haftbefehl gegen Angehörige der Widerstandsgruppe Zielasko

Für Andreas Schillack wurde im August 2011 ein Stolperstein an der Essener Straße 71 verlegt, der Stolperstein für Karl Delbeck wird an der Friedweide 5 verlegt.

Linke NRW entsendet Heike Jordan als Wahlfrau nach Berlin

Engagierte Bürgerin nimmt an Bundesversammlung teil

Am Dienstagmorgen wurde Heike Jordan durch die Landtagsfraktion Die Linke NRW einstimmig zur Wahlfrau für die 15. Bundesversammlung gewählt. Sie gehört damit mit den Stimmen aller Fraktionen zu den am Mittag vom NRW-Landtag bestimmten 133 Wahlmänner und -frauen, die neben den Bundestagsabgeordneten aus NRW am 18. März im Reichstagsgebäude in Berlin das neue Staatsoberhaupt wählen sollen. Die Linke schickt bekanntlich die langjährige Nazi-Jägerin Beate Klarsfeld bei der Wahl für das höchste Staatsamt gegen Joachim Gauck ins Rennen.

Heike Jordan engagiert sich seit vielen Jahren besonders für Freiheit, Frieden und Demokratie. Die aktive Antifaschistin ist auch Mitglied in der VVN-BdA (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes). Mit der Nominierung als Wahlfrau soll auch Heike Jordans ehrenamtliches Engagement gegen Faschismus und ihr außergewöhnlicher Einsatz für das Projekt Stolpersteine in Gelsenkirchen gewürdigt werden.

Heike Jordan aus Gelsenkirchen, stellv. Vorsitzende des Gelsenzentrum e.V. und Leiterin der Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen

Quelle: Pressemitteilung des Gelsenzentrum e.V. Gelsenkirchen v. 29.2.2012

Der Rote Emscherbote schreibt: Heike Jordan wählt die Bundespräsidentin

98,7 Radio Emscher Lippe schreibt:
Acht Frauen und Männer aus dem Emscher Lippe-Land dürfen Mitte März über den neuen Bundespräsidenten abstimmen

Erinnerung vor den Türen der Häuser

Stadtrundgänge - Jeder Stolperstein ein Leben

Die Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen des Gelsenzentrum e.V. bietet ab Frühjahr 2012 kostenlose Stadtrundgänge für Schulklassen, Einwohner und Gäste der Stadt entlang der in Gelsenkirchen verlegten Stolpersteine an. Bei den Stadtrundgängen “Jeder Stolperstein ein Leben” wird das von dem Künstler Gunter Demnig ins Leben gerufene Erinnerungs-Projekt Stolpersteine und die Bedeutung des Projekts für die lokale Erinnerungskultur erläutert.

Die Stolpersteine für Menschen, die von den Schergen des NS-Terrorregime gedemütigt, entrechtet, verfolgt und schlussendlich ermordet wurden, werden vor den Türen der Häuser verlegt, in denen die Menschen einst lebten. Und genau dort werden bei den Rundgängen die persönlichen Lebens- und Leidensgeschichten der Menschen erzählt. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhalten so die Möglichkeit, sich mit konkreten und realen zeitgeschichtlichen Ereignissen aus ihrer unmittelbaren Lebensumfeld auseinandersetzen.

Info und Anmeldung

Zwei Lieben - Lesung mit Rainer Vollath in Gelsenkirchen

“Uns haben sie einfach vergessen…” - schwule Männer als Opfer des NS-Terrors und in der jungen Bundesrepublik

Lange blieb das Schicksal schwuler Männer und deren Verfolgung in der Zeit zwischen 1933 und 1945 im Verborgenen. Der berüchtigte Paragraph 175, der homosexuelle Handlungen unter Strafe stellte, galt in der während der nationalsozialistischen Terrorherrschaft verschärften Version unverändert in der Bundesrepublik Deutschland - bis zum Jahr 1969.

Der Autor Rainer Vollath hat sich in seinem Buch “Zwei Lieben” diesem verdrängten Kapitel deutscher Geschichte gewidmet. Am Freitag, den 30. März 2012 liest er um 19 Uhr im Kulturzentrum “die flora” in Gelsenkirchen, Florastraße 26, aus seinem zeitgeschichtlichen Roman “Zwei Lieben”.

Möglich wurde diese Lesung durch eine Kooperation des Vereins Rosa Strippe, der in Bochum die zweitgrößte psychosoziale Beratungsstelle für Lesben, Schwule und deren Angehörige in NRW betreibt und der Projektgruppe STOLPERSTEINE des Gelsenzentrum e.V. in Gelsenkirchen. Beide Initiativen widmen sich schon seit langem der Erinnerung an die Verfolgten des Nationalsozialismus. Auf Initiative der Rosa Strippe e.V. hat der Künstler Gunter Demnig im Februar in Dortmund einen weiteren Stolperstein für ein schwules Opfer des Nationalsozialismus verlegt. Auf Initiative der Gelsenkirchener Projektgruppe wird dort im September ein Stolperstein für einen verfolgten schwulen Mann dazukommen. Die Recherchen für die Stolpersteine stammen von Jürgen Wenke, der seit langem die Lebensgeschichten schwuler Männer während der NS-Zeit erforscht und der am 30. März auch von seiner Arbeit berichten wird.

In einem Interview hat der 1966 geborene Autor Rainer Vollath über seine Beweggründe gesprochen, “Zwei Lieben” zu schreiben. Er habe das Buch wider das Vergessen schreiben wollen: “Ich wünsche mir, dass das Leben und Leiden der verfolgten Schwulen im Nationalsozialismus, aber auch in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik der Nachwelt im Gedächtnis bleibt”, so der Autor weiter. So erzählt er die Lebensgeschichte von Fritz Weiss, der als 28jähriger im Berliner Tiergarten von der Gestapo verhaftet wird und daraufhin sieben Jahre in den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Flossenbürg inhaftiert bleibt.

Und der Roman erzählt nicht nur die Geschichte der Homosexuellenverfolgung in Deutschland während der nationalsozialistischen Diktatur. Er erzählt eben “Zwei Lieben” und auch von der Kriminalisierung und Verfolgung von schwulen Männern in der jungen Bundesrepublik bis hin zur Schwulenbewegung der 1970er Jahre. Sie ging einher mit der Strafrechtsreform, die erst 1969 -24 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges und der Terrorherrschaft unter dem Hakenkreuz den berüchtigten Paragraphen 175 wieder entschärfte. Die vom nationalsozialistischen Regime verschärfte Fassung, die männliche Homosexualität unter Strafe stellte, galt eben auch in der jungen Bundesrepublik unverändert weiter, wollte man darin doch kein spezifisch nationalsozialistisches Unrecht erkennen. Und die Geschichte dieses Paragraphen endete erst 1994 nach dem Beitritt der Länder der ehemaligen DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes, nach der Wiedervereinigung Deutschlands.

Der Eintritt zur Lesung ist frei. Um eine Spende für das Projekt Stolpersteine Gelsenkirchen wird gebeten.

Informationen erhalten Interessierte auch unter www.rosastrippe.de oder www.stolpersteine-gelsenkirchen.de

Quelle: Pressemitteilung der Rosa Strippe

NS-Zeit: Juden im Umfeld des FC Schalke 04

Stolpersteine in Gelsenkirchen - Gegen das Vergessen

Den jüdischen Förderern, Funktionären und Spielern des FC Schalke 04, die in der NS-Zeit zu Opfern des Terrorregimes geworden sind, sollen Stolpersteine gewidmet werden. Die ersten Gedenksteine werden im Herbst 2012 verlegt.

Die Projektgruppe Stolpersteine hat Ende Januar 2011 beim Verein angefragt, ob man dort die Patenschaften für Stolpersteine übernehmen will, die den jüdischen Förderern, Funktionären und Spielern des FC Schalke 04 gewidmet werden, die in der NS-Zeit zu Opfern des Terrorregimes geworden sind. Ein erstes Gespräch zwischen der Geschäftsführung des Vereins und der Projektleiterin der Stolpersteine Gelsenkirchen fand im Juni statt. Eine abschließende Antwort des Vereins steht derzeit aber noch aus.

Als der DFB (Deutscher Fußball Bund) im April 1933 den Ausschluss von Juden als Trainer und Funktionäre aus den Vereinen beschloss, “verabschiedete” auch der FC Schalke 04 ganz im Sinne der neuen Machthaber seinen 2. Vorsitzenden, den jüdischen Zahnarzt Dr. Paul Eichengrün ebenso wie den Leiter des Presseauschusses, Franz Nathan und andere “nichtarische” Funktionsträger. 1935 wurden dann auch die letzten jüdischen Mitglieder und Spieler aus dem Verein ausgeschlossen, sofern sie ihn bis dahin nicht bereits “freiwillig” verlassen hatten. Leopold “Leo” Jacobs spielte in einer der Juniorenmannschaften des FC Schalke. Er wurde im Januar 1942 nach Riga verschleppt, überlebte die KZ der Nazis und kehrte nach seiner Befreiung 1945 zunächst in seine Heimatstadt Gelsenkirchen zurück.

Nur allzu bereitwillig ließen sich auch der FC Schalke und seine Spieler ab 1933 auf das Unrechtsregime ein und profitierten dadurch auf vielfältige Art und Weise von den sich daraus ergebenden Vorteilen. So “kaufte” Fritz Szepan im November 1938 das Kaufhaus Rhode & Schwarz in Gelsenkirchen-Schalke zu einem außerordentlich günstigen Preis. Die so genannte “Arisierung” fand Eingang in die Stadtchronik, unter dem 5. November 1938 heißt es dort: “Das bisherige jüdische Kaufhaus Julius Rode & Co. ist in arische Hände übergegangen. Es wird geführt von Fritz Szepan, dem Schalker Mittelstürmer, der ein Spezialgeschäft für Textilwaren in den Verkaufsräumen eingerichtet hat.

Die ehemaligen jüdischen Inhaber des Kaufhauses am Schalker Markt, Sally Meyer und Julie Lichtmann, zum Verkauf gezwungen, wurden im Januar 1942 nach Riga deportiert und ermordet. Der Schalker Spieler Hermann Koriath konnte das Haus Margaretenstrasse 6 aus dem Besitz des jüdischen Bauunternehmers Max Ferse günstig “erwerben”. Max Ferse und seine Frau Antonie wurden 1942 in das Ghetto Riga verschleppt und dort ermordet.

Auch die frühen Förderer und Unterstützer des FC Schalke 04 jüdischer Herkunft waren der Diskriminierung und Verfolgung durch die Nazis ausgesetzt. So wurden beispielsweise der Metzgermeister August Kahn zusammen mit seiner Frau im Juli 1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert und dort am 11. Oktober 1944 ermordet, seine Frau starb bereits am 4. September 1942 in Theresienstadt, angeblich an Lungenentzündung. Der Metzgermeister Leopold Sauer wurde im Januar 1942 zusammen mit seiner Frau in das Ghetto Riga deportiert und im März 1945 in Rieben, einem Außenlager des KZ Stutthof, ermordet. Seine Frau Auguste wurde im Dezember 1944 im KZ Stutthof ermordet. Die Schwiegereltern des ehemaligen 2. Vorsitzenden Paul Eichengrün, Josef und Ida Schloßstein, wurden 1942 nach Theresienstadt deportiert. Joseph starb im Ghetto Theresienstadt, Ida Schloßstein wurde weiter in das Vernichtungslager Treblinka verschleppt und dort ermordet. Die Recherchen zu Familie Goldblum, Siegmund Katzenstein, Dr. Fritz Levisohn (später Lenig), Arthur Herz und Ernst Alexander sind noch nicht abgeschlossen.

→ Stolpersteine Gelsenkirchen

Erinnerung an die “Nacht der Schande”

Gedenkveranstaltung in Gelsenkirchen

Ihren Auftakt nahm die Gedenkveranstaltung anlässlich des 73. Jahrestages der so genannten “Reichskristallnacht” an einem der Erinnerungsorte in Gelsenkirchen - die Erinnerungsorte sind ein Projekt der “Demokratischen Initiative” - am Südeingang des Hauptbahnhofs. Hier erinnert eine Tafel an die in der NS-Zeit aus Gelsenkirchen verschleppten und zum überwiegenden Teil ermordeten jüdischen Kinder und Jugendlichen. Professor Dr. Stefan Goch vom Institut für Stadt-geschichte betonte in seiner Ansprache, dass man auch in Zukunft weitere “Erinnerungsorte” errichten werde. Die Route des anschließenden Marsches “Gegen Hass und Gewalt” der “Demokratischen Initiative” zum Gedenken an die Opfer der so genannten “Reichskristallnacht” sorgte bei einigen TeilnehmerInnen für Verwunderung.

Fast konnte man den Eindruck gewinnen, dass die Veranstalter mit der gewählten Marschroute den im Bereich der Gelsenkirchener Innenstadt verlegten Stolpersteinen, die dort an das Leben, die Verfolgung und die Ermordung jüdischer Menschen erinnern, ausweichen wollten. Nach einem Halt an der Grasreiner/Klosterstraße, dort hielt Oberbürgermeister Baranowski eine Erinnerungsrede, ging es weiter zur Begegnungsstätte “Alter Betsaal” der jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen an der Von-Der-Recke-Straße 9. Auch den vor dem gegenüberliegenden Haus verlegten Stolpersteinen, die an das von den Nazis ermordete jüdische Ehepaar Wollenberg erinnern, schenkte keiner der TeilnehmerInnen Beachtung. “Die Stolpersteine erinnern an Orte jüdischen Lebens, sie erinnern an Menschen, die Gewalt und Hass in Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 miterleben mussten, an Menschen, die in den Jahren danach zu Opfern der bis ins letzte Detail durchgeplanten NS-Vernichtungsmaschinerie wurden. Das Verhalten der Verantwortlichen kann ich nicht nachvollziehen” sagte Heike Jordan, Projektleiterin der Stolpersteine Gelsenkirchen.

Bereits im Vorfeld hatte die Stolpersteininitiative öffentlich ihr Befremden darüber zum Ausdruck gebracht, dass die in Gelsenkirchen verlegten Stolpersteine nicht in die “offizielle” Gedenkveranstaltung der Stadt einbezogen werden. Auf die Frage nach dem “Warum” wollten am Abend weder Oberbürgermeister Baranowski in seiner Eigenschaft als Schirmherr der veranstaltenden “Demokratischen Initiative” noch Judith Neuwald-Tasbach, Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen, eine Antwort geben.

→ Stolpersteine Gelsenkirchen - Gemeinsam gegen das Vergessen

9. November 2011 - Gedenken an die Pogrome in der “Kristallnacht”

Gedenken der Toten und der Lebenden

Am 9. November 2011 jährt sich zum 73. Mal die so genannte “Reichskristallnacht”. Die Ereignisse in dieser Nacht markierten einen weiteren Höhepunkt der stetig zunehmenden Diskriminierung der Juden im Alltag. Auch in Gelsenkirchen brannten in der Nacht vom 9. auf den 10. November Synagogen und Geschäfte, waren Menschen jüdischer Herkunft brutaler Gewalt ausgesetzt, wurden erniedrigt, gedemütigt, vergewaltigt, verhaftet und verschleppt. Wie viele von ihnen später an den Folgen der erlittenen Misshandlungen oder den Haftfolgen starben, ist heute nicht mehr feststellbar.

In unserer Stadt erinnern 28 von 41 bisher verlegten Stolpersteinen an die Leidenswege und die Ermordung jüdischer Menschen durch das NS-Regime. “Jeder dieser 28 Stolpersteine erinnert an einen Menschen, der auch von den Angriffen gegen Leib und Leben in der Pogromnacht betroffen war. Wir hätten uns gewünscht, dass die Stolpersteine mit in die offizielle Gedenkveranstaltung der Stadt Gelsenkirchen einbezogen worden wären, führt doch die Wegstrecke des von der “Demokratischen Initiative” geplanten Schweigegangs auch an einigen Stolpersteinen vorbei” so die Projektleiterin der Stolpersteine Gelsenkirchen, und weiter: “Wir rufen Gelsenkirchener Bürgerinnen und Bürger auf, an den im Stadtgebiet verlegten Stolpersteinen am Abend des 9. November Kerzen aufzustellen und zu entzünden”.

Von den Gelsenkirchener Juden, die den 9. November 1938 miterleben mussten, haben die wenigsten den Holocaust überlebt. Die Leidenswege der hochbetagten Überlebenden der NS-Vernichtungsmaschinerie, die heute weltweit verstreut leben, sollen am 9. November im Mittelpunkt unseres Gedenkens stehen. “Die zum Leben Verurteilten sind die wahren Opfer des Holocaust. Die Toten sind schon zur Ruhe gekommen” sagte einst die Holocaust-Überlebende Batja Gurfinkel, “Der Schmerz wird mit den Jahren nicht weniger, eher stärker.”

Quelle: Presse- und Medienmitteilung der Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen

→ Gedenken und Erinnern an die Opfer der so genannten “Reichskristallnacht”

Stolperstein-Initiative erinnerte an “Polen-Aktion”

Nur wenige Teilnehmer bei Gedenkveranstaltung

Gelsenkirchen. Nur einige wenige Menschen nutzten die Chance, am Freitag Abend jüdischen Opfern des NS-Terrors ein ehrendes Andenken zu erweisen.

Die örtliche Stolperstein-Initiative erinnerte zum Abschluss der diesjährigen Stolperstein-Putzaktion in der Gelsenkirchener Kolpingstrasse an die so genannte “Polenaktion” , einer großangelegten Ausweisungsaktion von Menschen aus dem deutschen Reichsgebiet, von der am 28. Oktober 1938 rund 17.000 Juden jeden Alters betroffen waren. Daruter befanden sich auch rund 80 Menschen jüdischer Herkunft aus Gelsenkirchen. Diese Ausweisungsaktion der Nazis war der Auftakt zur Vernichtung der europäischen Juden.

Der heute in den USA lebende Herman Neudorf ist der einzige Gelsenkirchener Jude, der von der Ausweisungsaktion noch aus eigenem Erleben berichten kann. Seine Gedanken zum 28. Oktober wurden gestern an der Kolpingstrasse von Heike Jordan, die als Projektleiterin die Stolperstein-Initiative in Gelsenkirchen ehrenamtlich betreut, verlesen.

→ Herman Neudorf: Meine Gedanken zum 28. Oktober 1938

Erinnerung an NS-Terror gegen Juden

Stolperstein-Putzaktion endet mit Gedenkveranstaltung

Mit der Stolperstein-Putzaktion, die am Freitag den 28. Oktober  um 18:00 Uhr an der Kolpingstrasse an den dort verlegten Stolpersteinen mit einer kleinen Gedenkveranstaltung ihren Abschluß findet, soll auch in diesem Jahr an die Opfer der so genannten “Polen-Aktion” erinnert werden.

Bei der  von den Nationalsozialisten als “Polen-Aktion” bezeichneten Abschiebung wurden am 28. Oktober 1938 deutschlandweit mehr als 17.000  Juden in das deutsch-polnische Grenzgebiet verschleppt. In Gelsenkirchen waren 80 Juden von der Austreibungsaktion betroffen. Diese Diskriminierungsmaßnahme des NS-Regimes stellte ein ersten Höhepunkt der physischen Verfolgung der jüdischen Minderheit dar und war der Auftakt zur Vernichtung der europäischen Juden.

Etwa eine Woche nach der Ausweisung seiner Eltern im Rahmen der so genannten “Polen-Aktion” erschoß der 17jährige Herschel Feibel Grynszpan aus Verzweiflung darüber und um die Welt aufzurütteln einen Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Paris. Diese Tat nahmen die Nationalsozialisten bekanntermaßen zum Anlaß, um die Pogrome in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 gegen die jüdische Bevölkerung in Deutschland zu initiieren. Vor dem Hintergrund der antijüdischen Novemberpogrome 1938 sind die Vorgänge um diese bis dato größte Ausweisungsaktion in der deutschen Geschichte fast völlig vergessen.

Die Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen ruft zur Teilnahme an der Gedenkveranstaltung auf.

Quelle: Presse- und Medienmitteilung der Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen

Dokumentation: → Vertreibung der polnischen Juden aus Deutschland 1938

Siehe auch: → Stolpersteine - Erinnerung an NS-Terror gegen Juden