Datensammlung: Die Dabeigewesenen – Gelsenkirchen

Ohne die Dabeigewesenen hätte es keine Opfer gegeben

In Hamburg ging kürzlich eine Datenbank online, die analog und ergänzend zur bereits für die in der Hansestadt vorhanden Stolpersteindatenbank die Dabeigewesenen in Kurzbiografien skizziert. Mit dieser Datenbank möchte die Landeszentrale für politische Bildung den Blick auf diejenigen lenken, die das NS-System gestützt und mitgemacht haben. Die Datenbank enthält eine Sammlung von Kurzprofilen über Menschen, die auf unterschiedliche Weise an den NS-Gewaltverbrechen in Hamburg Anteil hatten, sei es als Karrieristen, Profiteur*innen, Befehlsempfänger*innen, Denunziant*innen, Täter*innen und auch so genannte sogenannte Mitläufer*innen.

„Verbrecherische Systeme funktionieren nur dann, wenn Menschen an ihnen mitwirken, wenn Menschen sich entscheiden dabei zu sein, nahe dran zu sein, davon zu profitieren oder gar mit zu gestalten. Die Durchsetzung von Gewaltherrschaft benötigt Handelnde: Täterinnen und Täter; und sie benötigt Wegsehende und dadurch stumm Zustimmende oder nicht Widersprechende, sagt Dr. Sabine Bamberger-Stemmann (Direktorin der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg), und weiter sagt sie:“ Dabeige-wesene waren Nachbarn, Arbeitskolleginnen und -kollegen, Bekannte, Freundinnen und Freunde der Kinder. Sie waren keine Fremden, sondern sie gehörten zum vertrauten Umfeld. Zumindest waren sie ebenso wie viele Opfer ihrer Taten Bürgerinnen und Bürger der Stadt. Oder sie maßten sich an, als Menschen dieser Stadt im sog. „Tausendjährigen Reich“ hierher verschleppte Menschen auszubeuten, zu erniedrigen oder gar zu töten.“

Dr. Rita Bake, die für die Hamburger Datenbank verantortlich zeichnet, geht es mit der neuen Datenbank „nicht um eine Anklage, nicht darum, mit dem Finger auf diese Menschen zu zeigen.“ Sie sei vielmehr eine nötige Voraussetzung, um überhaupt aus der Geschichte lernen zu können. Das wiederum setzt ein umfas-sendes Verständnis für die historischen Zusammenhänge voraus. Bake: „Wir können die Geschichte in ihrer Komplexität nur verstehen, wenn wir nicht nur die Opfer betrachten, sondern auch die Dabeigewesenen. Denn ohne die Dabeigewesenen hätte es keine Opfer gegeben.“

Vor diesem Hintergrund hat die Gelsenkirchener Stolperstein-Initiative um Projektleiter Andreas Jordan jetzt eine Online-Datensammlung unter dem Titel „Die Dabeigewesenen – Gelsenkirchen“ – ähnlich der Hamburger Datenbank – begonnen. „Damit wollen wir den Blick auf Gelsenkirchener*innen lenken, die das NS-System stützten, sich bereicherten und mitmachten. Denn auch in Gelsenkirchen wohnten Nazis oftmals Tür an Tür mit jüdischen Nachbarn oder mit Menschen aus anderen Verfolgtengruppen, die denunziert, ausgeraubt, vertrieben, deportiert und in den Konzentrationslagern und anderen Unrechtsstätten ermordet wurden.“ so Jordan, der seit nunmehr 10 Jahren für die Verlegung von Gunter Demnigs Stolpersteinen in Gelsenkirchen verantwortlich ist. Über 160 dieser kleinen Denkmale haben Jordan und seine Mitstreiter*in- nen gemeinsam mit Gunter Demnig bisher in das Pflaster Gelsenkirchener Gehwege eingesetzt. Im November werden 25 weitere Stolpersteine verlegt.

„Vom Raubgut, zum Beispiel dem Mobiliar der verfolgten Menschen, profitierten nicht nur der Staat, Parteigenossen und bspw. Mitglieder von SA, Polizei und SS, sondern auch „einfache Volksgenossen“ fast jeden Alters. Grundlage für die Gelsenkirchen betreffende Datensammlung sind bereits vorhandene wissenschaftliche Veröffentlichungen (z. B. des Instituts für Stadtgeschichte Gelsenkirchen, ISG), andere Veröffentlichungen zu Gelsenkirchen im Nationalsozialismus, aber auch in diversen Fällen Entnazifi-zierungsakten und andere Akten und Dokumente, die in den Archiven zur Verfügung stehen. Nicht zuletzt greifen wir dabei auch auf die Ergebnisse unsere bereits getätigten Recherchen zurück. Auf diese Weise wird die Online-Datensammlung als „Work in Progress“ kontinuierlich wachsen“ erklärt Andreas Jordan, „Es reicht nicht, mit Stolpersteinen der Opfer zu gedenken. Die Namen der Dabeigewesen dürfen nicht verschwiegen werden.“

Die schnelle Machtentfaltung des NS-Regimes wäre ohne die bedingslose Pflichterfüllung
der Dabeigewesenen nicht möglich gewesen. Weder die Eisenbahnzüge nach Auschwitz-Birkenau noch die Aussonderung Behinderter durch Ärzte zur Vergasung in Hadamar und anderswo, noch der Vormarsch der Wehrmacht mit den mörderischen Einsatzgruppen im Gefolge – all das hätte nicht funktioniert ohne jene Dabeigewesenen, die sich nach 1945 hektisch bemühten, einen Beleg dafür vorzuweisen, daß sie doch in diesem oder jenen Konflikt mit irgendeinem fanatischen Nazi gestanden hätten um so ihre Nähe zum Terrorregime der Nazis oder gar ihr aktives Mitmachen zu verschleiern.

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Gelsenkirchen: Eduard Spranger als Namensgeber ungeeignet

Gesucht wird: ein neuer Name

Heute berichtet die Lokalpresse (WAZ) unter dieser Headline über unseren erneuten Anstoß zur Umbenennung des Gelsenkirchener Eduard-Spranger-Berufskollegs. Das Institut für Stadtgeschichte Gelsenkirchen (ISG) signalisiert Zustimmung, die Stadtverwaltung Gelsenkirchen verweist auf die Schulkonferenz, die unsere Anregung zur Umbenennung aufgreifen muß. Nach der Ferienzeit werden wir an die Schulleitung herantreten und um eine Stellungnahme bitten.

Gelsenkirchen: Eduard Spranger als Namensgeber ungeeignet

„Gelsenzentrum“ erneuert seinen Anstoß zur Umbenennung des Berufskollegsin Buer wegen der Rolle Eduard Sprangers in der NS-Zeit

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Eduard-Spranger-Berufskolleg Gelsenkirchen: Namensgeber war Antisemit und Nationalist

Namensdiskussion ist überfällig

Spranger war nicht nur Antisemit, er war auch Nazisympathisant – das belegen neuere Forschungen. Ein Mensch wie Spranger ist als Schulnamensgeber nicht geignet. Zwei der bundesweit acht nach Spranger benannten Schulen haben sich bereits für eine Umbenennung entschieden, in Gelsenkirchen will eine Initiative jetzt eine öffentliche Diskussion anstoßen, die letztlich zu einer Umbenennung des Berufskollegs führen soll.

Drei von vielen Zitaten, die ein deutliches Bild von Eduard Spranger zeichnen:

„Der Herrenmensch kann, nach einem ewigen Lebensgesetz, nur erzogen werden am Gehorchen und Dienen.“ Eduard Spranger, 1934.

„Der Nationalsozialismus, die Bewegung Adolf Hitlers, ruft uns zu den alten Werten preußischen Dienstes an der Gesamtheit zurück.“ Eduard Spranger, 1937.

„Man kennt schon einige Vererbungsgesetze. Man kennt also einige Wege zur Sicherung eines gesunden und – wenn nötig – zur Ausmerzung eines kranken Nachwuchses.“ Eduard Spranger, 1938.

Mit dem Forschungsprojekt „ad fontes“ wurden die Veröffentlichungen Sprangers und weiterer Pädagogen aus der Zeit von 1933 und 1945 zusammengetragen. 836 Seiten Schriften und Artikel haben die Forscher allein zu Spranger in einem Quellenband veröffentlicht. Benjamin Ortmeyer, seit 2003 pädagogischer Mitarbeiter im Fachbereich Erziehungswissenschaft der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, hat sich mit einer Studie über Eduard Spranger und drei weiteren Vertretern der Pädagogik habilitiert. Die 600 Seiten starke Studie macht deutlich, dass Spranger nicht nur NS-Jargon verwendet hat, sondern trotz Einwände im Detail die Politik Nazi-Deutschlands unterstützt hat. Dass Spranger nach der NS-Diktatur trotzdem Namenspatron von Schulen werden konnte, kommentierte Ortmeyer so: „Man hat das sauberste von den dreckigen Hemden genommen.“

Siehe auch: „Sollten Schulen nicht nach Vorbildern genannt werden?“

Screenshot der Internetseite des Eduard-Spranger-Berufskollegs Gelsenkirchen: über Namensgaber Eduard Spranger selbst sind dort keine Informationen zu finden,
in der Mitte der 1960er Jahre trug die Schule die Bezeichnung „Einzelhandes-Berufsschule“.

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Bahnhofstraße: Über die Vergangenheit stolpern

Erinnerungszeichen auch auf der Einkaufsmeile

Noch in diesem Jahr wird Bildhauer Gunter Demnig erste Stolpersteine auf der Bahnhofstraße verlegen. Die beliebte Einkaufsmeile im Herzen der Gelsenkirchener Innenstadt wurde in den 1930er Jahren im Volksmund ‚Jerusalemer Straße‘ genannt, weil sich dort auch viele Geschäfte jüdischer Inhaber befanden. An der Bahnhofstraße 22, Ecke Klosterstraße war das alteingessene und bekannte Pelzhaus Gompertz beheimatet. Dort werden fünf Stolpersteine in Erinnerung an die im so genannten „Dritten Reich“ vetriebene jüdische Familie Gompertz verlegt. Mehr erfahren: Familie Leo Gompertz

An sechs weiteren Orten im Gelsenkirchener Stadtgebiet wird Gunter Demnig an diesem Verlegetag weitere 20 Stolpersteine in das Pflaster einsetzen, die Termine und Uhrzeiten der einzelnen Verlegungen werden rechtzeitig bekannt gemacht.

Betty (geb.Isacson) und Leo Gompertz mit Albert, Rolf und Fritz (später Fred) in Gelsenkirchen, 1930.

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Stolperstein-Geschichten: Buchprojekt sucht Sponsoren

Jeder Mensch hat einen Namen

In Gelsenkirchen erinnern bisher 161 so genannte Stolpersteine an Mitbürgerinnen und Mitbürger, die Opfer von Verfolgung, Vertreibung und Mord in der Zeit des Nationalsozialismus geworden sind. Weitere 25 der kleinen Denkmale kommen noch in diesem Jahr hinzu. Die Lebens- und Leidenswege der in Gelsenkirchen mit Stolpersteinen geehrten Menschen sollen jetzt auch in einem Buch dokumentiert werden. Dazu haben die Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen und der Weimarer Eckhaus-Verlag eine Projektpartnerschaft vereinbart. Der Verlag hat dazu ein Finanzierungskonzept entwickelt: Sponsoren können die Druckkosten für Klassensätze von jeweils dreißig Büchern übernehmen, die Bücher werden dann kostenlos an Schulen abgegeben. Die Sponsoren können sich auch mit einem Begleitwort am Buchtext beteiligen und werden im Buch mit Firmenlogo im Anhang erwähnt. Mehr erfahren: Buchprojekt: Stolpersteine und Gedenken in Gelsenkirchen

Ein erster Umschlagentwurf für das geplante Buch „Stolperstein-Geschichten Gelsenkirchen“. Die Gelsenkirchener Projektgruppe Stolpersteine und der Eckhaus-Verlag haben die Arbeit an dem Buch aufgenommen. Es soll 2018 in einer festlichen Premiere vorgestellt und an die Schulen übergeben werden. Schon jetzt können sich potenzielle Sponsoren einbringen, um Klassensätze zu stiften und damit die Realisierung des Buchprojektes zu gewährleisten.

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74. Jahrestag der Deportation Gelsenkirchener Sinti und Roma

„… So viele unserer Menschen sind dort geblieben.“

Am 9. März 1943 wurden die noch in Gelsenkirchen in einem Internierungslager an der damaligen Reginenstraße lebenden deutschen Sinti und Roma festgenommen und in das so genannte „Zigeunerfamilienlager“ Auschwitz-Birkenau verschleppt. In den Lagerbüchern des KZ ist die Ankunft der aus Gelsenkirchen verschleppten Menschen am 13. März 1943 festgehalten. Die Lebenswege von 164 Menschen endeten mit der Ermordung im „Zigeunerlager“ Auschwitz-Birkenau und 48 mit einem unbekannten Schicksal in Auschwitz. 31 als „Zigeuner“ verfolgte Menschen mit Lebensmittelpunkt in Gelsenkirchen konnte eine Deportation nach Polen im Mai 1940 nachgewiesen werden, fünf weitere Menschen, ebenfalls Angehörige dieser Minderheit, wurden in anderen Lagern des so genannten „Dritten Reiches“ ermordet.

Im Schlußwort der bisher einizigen in Buchform erschienen Dokumentation zu den Lebens- und Leidenspuren Gelsenkirchener Sinti und Roma aus dem Jahr 1999 heißt es zusammenfassend:

„Die Verfolgung und Ermordung der Sinti und Roma wurde bürokratisch korrekt überwiegend vom Verwaltungsapparat der Stadt Gelsenkirchen und einigen weiteren Verwaltungs- und Verfolgungsbehörden des „Dritten Reiches“ abgewickelt. (…) Im Gesamtprozeß kann festgestellt werden, daß die Gelsenkirchener Akteure keineswegs nur übergreifende Regelungen anwendeten und gewissermaßen „von oben“ geführt und angewiesen handelten, sondern ein beträchtliches Maß an Eigeninitiative bei der Verfolgung von Sinti und Roma entwickelten. An der Verfolgung und Ermordung dieser Menschen nahmen zahlreiche „ganz normale“ Gelsenkirchener teil. Wie deren schriftliche Hinterlassenschaften widerspiegeln, wußten diese, was sie taten, und sie hatten keinerlei nachweisbare Gewissensbisse. Keiner der an der Verfolgung und Ermordung der Sinti und Roma im Raum Gelsenkirchen Beteiligten wurde für die Beteiligung an der Verfolgung der Sinti und Roma in Gelsenkirchen zur Rechenschaft gezogen. Diejenigen, die sich über einen Zeitraum von mehreren Jahren hinweg mit der „Bekämpfung der Zigeunerplage“ in Gelsenkirchen mit den hier dargestellten Ergebnissen befaßten, kamen aus der Mitte der lokalen Gesellschaft Gelsenkirchens und Deutschlands und spiegelten in ihrem Verhalten, ihren Denk- und Verhaltensweisen die lokale und die deutsche Gesellschaft wider. Am Beispiel Gelsenkirchens zeigt sich auch die zentrale Rolle der Zweige des Polizeiapparates, die gewissermaßen „im Schatten der Gestapo“ an den Verbrechen während des „Dritten Reichs“ beteiligt waren. Auch wird die umfassende Beteiligung von Teilen der Stadtverwaltung an den Verbrechen während des „Dritten Reiches“ sichtbar.

Terror und Mord waren nicht das Werk einiger weniger Unterdrücker, sondern an der Verfolgung und Ermordung der Sinti und Roma im Raum Gelsenkirchen waren viele Gelsenkirchener und vor allem Gelsenkirchener Beamte beteiligt, die keineswegs allesamt überzeugte Nationalsozialisten waren. Weiterhin ist für die ganze deutsche ebenso wie für die lokale Gesellschaft festzustellen: Die hier dargestellten Ereignisse fanden mitten in der Gesellschaft statt. Die Ausgrenzung, Diskriminierung und offensichtliche Verfolgung von Sinti und Roma in Deutschland und in den besetzten Gebieten rief keine Proteste hervor.“

(Schlußbemerkung in Stefan Goch, „Mit einer Rückkehr nach hier ist nicht mehr zu rechnen“ – Verfolgung und Ermordung von Sinti und Roma während des „Dritten Reiches“ im Raum Gelsenkirchen. Klartext, Essen 1999. ISBN: 3-88474-785-1.)

1997 wurde ein Abguss der 1955 von Otto Pankok geschaffenen Bronzefigur „Ehra“ als Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma am Alten Hafen in der Nähe der Rheinuferpromenade in Düsseldorf
aufgestellt. Seitdem dienen die Figur und ihre Umgebung als Ort für Gedenkveranstaltungen zur Erinnerung an die Getöteten. Eine Steinplatte neben der Figur trägt folgende Inschrift: „Zum Gedenken an die Sinti und Roma, die durch den Nationalsozialismus Opfer des Völkermordes wurden. Diese Figur des Sinto-Mädchens Ehra schuf der Künstler Otto Pankok (1893–1966) zur Erinnerung an die mit ihm befreundeten Düsseldorfer Sinti, von denen über hundert aus dem Lager Höherweg abtransportiert und ermordet wurden. Das Mädchen Ehra selbst gehörte zu den wenigen KZ-Überlebenden.“ (Foto: Wiegels)

In Gelsenkirchen fehlt bisher ein öffentlich sichtbares Zeichen der Erinnerung und des Willens, dass Schicksal der aus Gelsenkirchen verschleppten und in Auschwitz ermordeten Sinti und Roma nicht zu vergessen. Seit vielen Jahren setzt sich Andreas Jordan (Gelsenzentrum e.V.) für die Errichtung eines dauerhaften, öffentlichen Zeichen des Gedenkens ein. Derzeit ist die Stadtverwaltung nach einem Bürgerantrag von Jordan, exemplarisch einen Platz nach dem 10jährigen in Auschwitz ermordeten Sinti-Mädchen Rosa Böhmer zu benennen, auf der Suche nach einem geeigneten Ort.

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Gelsenkirchen: Gedenktafel am Rathaus abgelehnt

Anregung findet keine Mehrheit

Die von Andreas Jordan (Gelsenzentrum e.V.) jüngst angeregte Errichtung einer Gedenktafel am Haupteingang des Hans-Sachs-Hauses, die expliziet auf die vielfältige Beteiligung der Gelsenkirchener Stadtverwaltung an der Verfolgungs- und Vernichtungspolitik im so genannten „Dritten Reich“ verweisen sollte, wurde vom zuständigen Kulturausschuss in der Sitzung vom 1. Februar 2017 mehrheitlich abgelehnt. Begründet wurde die Ablehnung u.a. mit dem Hinweis der Verwaltung auf eine bereits im Foyer des Hans-Sachs-Hauses angebrachte Tafel, die jedoch lediglich die Baugeschichte des Hans-Sachs-Hauses beleuchtet und zudem „verdeckt“ angebracht worden ist.

Kommunale Erinnerungs- und Geschichtspolitik erfordert auch Mut, mit der Ablehnung dieser Gedenktafel wurde eine Chance vertan, jenseits von fragwürdigen Entlastungstrategien eine Deutung der Lokalgeschichte wach zu halten, die nichts abschwächt oder verharmlost. Das es auch anders geht, hat vor einiger Zeit das Polizeipräsidium in Gelsenkirchen-Buer gezeigt. Am Gebäude erinnert nun eine öffentlich zugängliche Erinnerungsorte-Tafel u.a. an die Beteiligung Gelsenkirchener Polizeibeamter während der NS-Gewaltherrschaft in den Polizeibataillonen 65 und 316 an Massenmord und Verbrechen hinter der Front.

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Unter verbranntem Himmel

Autorenlesung mit Greta Sykes

Am Mittwoch, 22. Februar 2017 liest Autorin Greta Sykes ab 19.30 Uhr im Kulturraum „die flora“ in Gelsenkirchen, Florastraße 26, aus ihrem Roman „Unter verbranntem Himmel“. Die Gelsenkirchener Buchhandlung Junius wird die Lesung mit einem Büchertisch begleiten. Der Eintritt ist frei.

Eingebettet in die Familienerzählung von Lene, ihren Geschwistern und Eltern sowie ihren Freunden erleben wir mit ihnen die Erregungen und Tragödien der Zeit, als ob wir in ihnen selbst lebten. Wir treffen viele berühmte Schriftsteller und Sozialisten der damaligen Zeit, wie beispielsweise Paul Loebe, Gertrud Bäumer, Berta von Suttner, Margarethe und Alfred Zingler, den Maler Karl Schwesig, Ernst Eck und Erich Lange.

2015 erschien Greta Sykes erster Roman, zunächst in einer englischen Fassung „Under Charred Skies“, 2016 erschien die deutsche Übersetzung „Unter verbranntem Himmel“. Die Autorin beleuchtet darin Facetten des zeitgenössischen Lebens, Kreativität, Kultur und den Widerstand einfacher Menschen in der Weimarer Republik und der aufkommenden NS-Zeit. Eingebettet in die Familienerzählung von Lene, ihren Geschwistern und Eltern sowie ihren Freunden erleben wir mit ihnen die Erregungen und Tragödien der Zeit, als ob wir in ihnen selbst lebten. Wir treffen viele berühmte Schriftsteller und Sozialisten der damaligen Zeit, wie beispielsweise Paul Loebe, Gertrud Bäumer, Berta von Suttner, Margarethe und Alfred Zingler, den Maler Karl Schwesig, Ernst Eck und Erich Lange.

Greta Sykes, Jahrgang 1944, in Deutschland geboren und aufgewachsen, ging in den 60er Jahren nach London, wo sie studierte und seitdem im akademischen Bereich tätig ist. Als Mitglied der British Psychological Society war sie lange Zeit Repräsentantin für internationale Zusammenarbeit und Redakteurin des Nachrichtenblattes debate. Sie arbeitet als Dozentin am Institut of Education der London University. Seit einigen Jahren engagiert sie sich im Vorstand der Socialist History Society, deren President einst Eric Hobsbawm war. Greta Sykes gehört der Dichtergruppe London Voices an.

„Gelsenkirchen, insbesondere Rotthausen, war für mich als Kind wunderbar. Ich kam in den Ferien aus Hamburg, meine Tante und meinen Onkel Deppermann zu besuchen. Sie hatten eine Bäckerei in der Karl-Meyer-Straße 61 und ich durfte im Geschäft helfen. Nachts schlief ich im Wohnzimmer und schaute immer den Wägelchen mit der Kohle zu, die mit der Seilbahn durch die Luft reisten. Ich lernte die Geschichten meiner Mutter kennen, die eigentlich eher unterhaltsam und friedlich waren und von der Familie handelten. Erst später wurde mir klar, was alle durchgemacht hatten und wovon man damals nie sprach. Ich konnte lange nicht verstehen, wie es dazu kommen konnte, dass so eine starke Arbeiterbewegung und so eine hochentwickelte Kulturlandschaft so einfach von faschistischen Banden zerstört werden konnte. Durch meine Forschungen für das Buch, die ich u.a. im Institut für Stadtgeschichte und im Stadtteilarchiv Rotthausen machte, wurde mir klar, wie sehr diese Banden von Banken und Industriellen unterstützt wurden, sonst hätten die Nazis nie so viel Unheil anrichten können“ sagt Greta Sykes.

Veranstalter: Gelsenzentrum e.V., Gemeinnütziger Verein für regionale Kultur- und Zeitgeschichte Gelsenkirchen
Veranstaltungsort: Kulturraum „die flora“, 45879 Gelsenkirchen, Florastraße 26

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Gelsenkirchen: 75. Jahrestag der Riga-Deportation

Ausstellungshalle am Wildenbruchplatz war Sammellager

Am 27. Januar 1942 vollzog sich mit der Riga-Deportation einer der letzte Schritte zur Vernichtung der jüdischen Gemeinde Gelsenkirchens. Der 27. Januar sollte nach unserem Dafürhalten zum zentralen Gedenktag für die örtliche Geschichte der Shoa werden. Nicht zuletzt symbolisiert dieser Tag exemplarisch auch die kommunale Mitwirkung an der NS-Politik, denn die Stadt Gelsenkirchen hatte als untere Verwaltungsbehörde die NS-Vernichtungspolitik auf kommunaler Ebene umzusetzen.

Einige Tage vor dem Abtransport in das Ghetto Riga wurden die von der Deportation Betroffenen zur Ausstellungshalle an der Wildenbruchstraße verschleppt. In dieser Halle, von den Nazis zum temporären “Judensammellager“ umfunktioniert, wurden rund 360 jüdische Frauen, Männer und Kinder jeden Alters aus Gelsenkirchen eingepfercht, etwa 150 weitere jüdische Menschen wurden aus umliegenden Städten nach Gelsenkirchen transportiert. Die NS-Verfolgungsbehörden stellten in diesen Tagen ab Gelsenkirchen einen der so genannten „Judensammeltransport“ zusammen. Die Menschen wurden im Sammellager ihrer Wertsachen beraubt, Frauen und Mädchen wurden gynäkologisch untersucht, um so jedes mögliche Versteck für Schmuck oder Geld aufzuspüren.

Vor 75 Jahren sahen an diesem 27. Januar in der Ausstellungshalle mehr als 500 eingesperrte Menschen einer schrecklichen, von den Nazis bereits vorbestimmten Zukunft entgegen. Die Menschen wussten nicht, was sie am Bestimmungsort erwarten sollte. Einige Wochen vor der Deportation hatten die Betroffenen bereits Briefe erhalten, darin wurde dem Empfänger mitgeteilt, dass er zur „Evakuierung in den Osten“ eingeteilt ist und sich an einem bestimmten Tag für den Transport bereit zu halten habe.

Die Menschen glaubten zu diesem Zeitpunkt noch an einen Arbeitseinsatz im Osten, wurde doch in dem Brief detailliert aufgelistet, welche Ausrüstungsgegenstände mitzunehmen sind: Schlafanzüge, Nachthemden, Socken, Pullover, Hosen, Hemden, Krawatten, warme Kleidung, Näh- und Rasierzeug, Bettzeug, Medikamente und Verpflegung. Arbeit im Osten, daran glaubte man. Denn Arbeit bedeutet Brot, und Brot bedeutet Leben, bedeutet Überleben, so dachte man. Niemand konnte sich vorstellen, dass das alles nur Lug und Trug war, perfider Teil eines Mordplans, den die Nazis „Endlösung“ nannten. Am frühen Morgen des 27. Januar 1942 wurden die Menschen dann zum alten Güterbahnhof getrieben, ihr Gepäck wurde verladen. Der Zug verließ schließlich Gelsenkirchen in Richtung Riga. Dieser Menschentransport war der erste aus Gelsenkirchen, weitere sollten in den nächsten Monaten folgen.

Juden in Coesfeld, kurz vor der Deportation in das Ghetto Riga am 10. Dezember 1941. Foto: YIVO Institute for Jewish Research, New York.

Die jüdische Bevölkerung mußte den Transport in das Ghetto Riga, der für die meisten eine Reise in den Tod war, selbst bezahlen. Aus dem Nachlass von Lewis R. Schloss sind Benachrichtigungen im Zusammenhang mit der Deportation erhalten. Die staatlich legalisierte Ausplünderung jüdischer Menschen setzte sich auch bei der Deportation fort: Für drei Familienmitglieder mussten 150,- RM als „Gebühr Evakuierung“ und 120,- RM „Transportkosten“ für die Mitnahme der beweglichen Habe gezahlt werden – gegen Quittung. Die Waggons mit den wenigen Habseligkeiten der Verschleppten wurden jedoch bereits in Hannover abgehängt, ihren Besitz haben die Menschen nie wiedergesehen. Diese Dokumente weisen wie kaum andere auf die perfide und zynische Handlungsweise der Nazis, mit der diese die Deportation vorbereiteten und organisierten. Die so genannte „Endlösung“ war zu diesem Zeitpunkt längst beschlossene Sache.

Die Deportationsrichtlinien erließ das Judenreferat des Reichssicherheitshauptamtes. Die örtlichen Stapoleitstellen fassten sie für den lokalen Bereich zusammen und organisierten für ihren Zuständigkeitsbereich den gesamten Abtransport. So waren der Dienstsitz der Stapoleitstellen das Zentrum, zu dem die Judentransporte der umliegenden Städte und Gemeinden zumeist zusammengeführt wurden, um dann den Transport gemäß den Absprachen mit der Deutschen Reichsbahn auf seinen verhängnisvollen Weg zu schicken. Die lokale Schutzpolizei begleitete die Transporte bis nach Riga. Diese Männer waren natürlich in Besitz einer Rückfahrkarte.

Die „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“ und die noch bestehenden jüdischen Gemeinden, die unter dem Kuratel der Gestapo standen, wurden gleichermaßen mit einbezogen. Sie waren gezwungen, die Deportationslisten nach den Richtlinien der Gestapo zusammenzustellen, die dann von der Staatspolizei überarbeitet und genehmigt wurden. Sie „betreuten“ die Menschen bis zum Abtransport in das Ghetto Riga. Die Gelsenkirchener Jüdin Helene Lewek wählte im “Judensammellager” angesichts der bevorstehenden Deportation die Flucht in den Tod. Auf dem Weg nach Riga wurden weitere Menschen an verschiedenen Haltepunkten – u.a. in Dortmund und Hannover – in den Zug gezwungen. Der Deportationszug der Deutschen Reichsbahn erreichte schließlich mit etwa 1000 Menschen am 1. Februar 1942 Riga in Lettland.

Die allermeisten der am 27. Januar 1942 von Gelsenkirchen nach Riga verschleppten jüdischen Menschen wurden von den Nazis ermordet. Die oftmals einzigen Spuren ihres Lebens finden sich heute meist nur noch in den alten Meldeunterlagen der Stadtverwaltung. Es sind verschleiernde bürokratischen Vermerke wie „amtlich abgemeldet“, „nach dem Osten abgeschoben“ oder „unbekannt verzogen“. Es blieben von den Verschleppten nur wenige Menschen am Leben, die zurückkehrten und Zeugnis ablegen konnten.

Heute erinnert an diesem Gelsenkirchener Tatort nichts mehr an das „Judensammellager“ und die Deportation vom 27. Januar 1942. Die von uns im Frühjahr 2014 an den Rat der Stadt Gelsenkirchen gerichtete Anregung, am damaligen Standort des “Judensammellagers” einen Gedenk- und Erinnerungsort zu errichten, ist bisher nicht realisiert worden.

Gedenkstein im Wald von Biķernieki, östlich von Riga/Lettland. Im März 1942 wurden etwa 1.900 „arbeitsunfähige“ Juden aus dem Ghetto Riga unter dem Vorwand, in Dünamünde zu leichter Arbeit bei der Fischverarbeitung eingesetzt zu werden, in den Wald von Biķernieki geschafft, dort erschossen und verscharrt. Am 26. März 1942 wurden dann zwischen 1600 und 1700 Insassen des aufgelösten KZ Jungfernhof mit Lastwagen hierher gebracht, erschossen und in Massengräbern verscharrt; auch sie wurden dabei mit demselben fiktiven Lager in Dünamünde getäuscht, wo es bessere Unterkunftsmöglichkeiten gäbe. Viele der aus Gelsenkirchen deportierten jüdischen Menschen wurden im Wald von Biķernieki ermordet. Foto: Justus Maria Wunderlich.

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Stolpersteine für Familie Block

Nachfahren aus Südafrika auf Spurensuche in Gelsenkirchen

Marion Block begab sich in an Heiligabend in Gelsenkirchen-Schalke auf Spurensuche zu ihren familiären, deutschen Wurzeln. Begleitet von Peter Joseph, auch aus seiner Familie sind Menschen von den Nazis ermordet worden, daran erinnern bereits Stolpersteine in Düsseldorf und Berlin. „Wir stehen seit längerer Zeit im Dialog, die Familie wünscht sich Stolpersteine zur Erinnerung an ihrer unter der NS-Gewaltherrschaft ermordeten Angehörigen“ sagt Andreas Jordan, Projektleiter der Stolperstein-Initiative in Gelsenkirchen, „Heute haben wir uns endlich persönlich kennengelernt“. Nachdenklich steht Marion Block im Hof des Hauses an der Schalker Straße 75. „Ich war niemals vorher in Deutschand, spreche die Sprache nicht – obwohl ich einen deutschen Pass habe. Hier haben meine Großeltern gelebt, mein Vater Kurt und seine Geschwister wurden in dieser Stadt geboren, Vater hat hier seine Kindheit und Jugend verbracht. Es ist ein seltsames Gefühl, hier zu sein.“ sagt sie leise.

Möbelhaus Block in Gelsenkirchen, um 1927

Bereits 1868 hatte Siegfried Blocks Vater Gumpel Block an der Liboriusstraße 37 das Möbelgeschäft der Familie gegründet. Nach dem Tod von Gumpel Block wurde der alteingesessene Familienbetrieb 1905 mit einem Neubau an der Schalker Strasse 75 erweitert. Mit der Machtübergabe 1933 an die Nazis und den in der Folgezeit ständig zunehmenden Repressionen gegen Juden verschlechterte sich die gesamte Lebenssituation der Familie Block zusehends. Das Möbelgeschäft Block nebst Immobilien wurde schließlich 1937 „arisiert“ – wie die Nazis die Enteignung jüdischen Eigentums verschleiernd nannten. Neue Eigentümer der Möbelhandlung Block wurden die „arischen“ Eheleute Theodor und Christine Ernsting, geborene Rosing, die das Geschäft – jetzt unter dem Namen „Rosing“ – an gleicher Stelle fortführten. Unternehmen wie Rosing konnten mit der „Arisierung“ ihren Profit enorm steigern und ihre wirtschaftliche Stellung so weiter ausbauen.

Möbel Block nach der so genannten „Arisierung“, jetzt unter dem Namen der neuen Eigentümer Rosing

Die Kinder der Familie Block konnten 1936 Gelsenkirchen noch rechtzeitig verlassen. Siegfried Block starb 1937, seine Frau Hedwig wurde am 27. Januar 1942 von Gelsenkirchen in das Ghetto Riga verschleppt. Bei dem Versuch, Brot ins Ghetto zu schmuggeln, wurde Hedwig erwischt. Die SS bestrafte Schmuggel mit dem Tod, Hedwig Block wurde im Rigaer Zentralgefängnis ermordet. Im nächsten Jahr werden vor dem Haus an der Schalker Straße 75 fünf Stolpersteine zum Gedenken an Familie Block verlegt, die Finanzierung ist durch die Übernahme von Patenschaften bereits gesichert.

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