Kraftwerk Knepper ist Geschichte

Mit der Sprengung des stillgelegten Steinkohlekraftwerks „Gustav Knepper“ zwischen Dortmund und Castrop-Rauxel am Sonntag verschwand nicht nur eine markante Land-marke, sondern auch dessen Name. Doch wer war eigentlich dieser Gustav Knepper?

Hitlers Aufstieg und der seiner Partei wäre ohne die Unterstützung der Wirtschaft nicht möglich gewesen. Besonders an Rhein und Ruhr fand er schnell große Hilfe und finan-zielle Gönner. Dabei kam zusammen, dass sich das Interesse der Wirtschaft an der Besei-tigung der Hemmnisse an der Profitmaximierung mit Hitlers politischem und ökonomi-schem Programm traf. In der Autark-und Rüstungspolitik sahen viele Industrielle früh-zeitig beste Entfaltungs-und Profitmöglichkeiten. Auch der Vorstandsvorsitzende der Gelsenkirchener Bergwerks AG und spätere Wehrwirtschaftsführer Gustav Knepper zählte bereits vor 1933 zu den Anhängern der Nationalsozialisten.

Nach der Gründung der Vereinigten Stahlwerke AG 1926 war Gustav Knepper, Jahrgang 1870, zunächst Leiter des Bergbaubereichs mit 41 Förderanlagen und rund 80.000 Beschäftigten. Ab dem 1. Januar 1934, nach Dezentralisierung der Vereinigten Stahlwerke AG, war Knepper bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand 1942 Vorstandsvorsitzender der Gelsenkirchener Bergwerks-AG; sein Nachfolger wurde Otto Springorum. Zudem war Knepper stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Vereinigten Stahlweke und der Gelsenkirchener Stahlwerke AG sowie Mitglied in den Aufsichtsräten mehrerer Montangesellschaften, darunter die Dortmunder Hoesch AG. Auch in unterschiedlichen Gemeinschaftsorganen des Ruhrbergbaus arbeitete er mit und übte eine führende Tätigkeit in der Wasserwirtschaft des Ruhrgebiets aus.

Nach dem Zweiten Weltkrieg internierten die Briten den 75-jährigen Dr.-Ing. e.h. Gustav Knepper am 5. September 1945. Zunächst brachten sie ihn nach Recklinghausen, dann nach Staumühle bei Paderborn und am 7. Dezember 1945 lieferten sie ihn in das Zucht-haus Nenndorf bei Hannover ein. Anfang August 1946 wurde er entlassen und kehrte nach Essen zurück. Knepper starb am 19. Oktober 1951. Nach ihm sind noch heute noch die Knepperstraße in Bochum-Ehrenfeld und der Gustav-Knepper-Weg in Witten benannt. Auch eine Haltestelle der Linie 361 der Straßenbahn Herne- Castrop-Rauxel Gmbh (HCR) ist noch nach dem Kraftwerk Knepper benannt. Mit der Sprengung wurde das Fortwirken des ehemaligen Wehrwirtschaftsführers Gustav Knepper als Namengeber für das Kraft-werk beendet. Bleibt zu hoffen, das der Name „Gustav Knepper“ am ehemaligen Standort im Rahmen der zukünftigen Nutzung der Fläche nicht wieder auftaucht.

Gustav Knepper wurde am 26. Juni 1944 das „Ritterkreuz des Kriegsverdienstordens mit Schwertern“ verliehen. Die Verleihung dieses Ordens behielt sich Adolf Hitler persönlich vor.
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Wo bleibt der Rosa-Böhmer-Platz?

Das Romanes-Wort Porajmos (deutsch: „das Verschlingen“) bezeichnet den Völkermord an den europäischen Roma in der Zeit des Nationalsozialismus. Der Völkermord an Sinti und Roma wurde von den Nationalsozialisten „aus dem gleichen Motiv des Rassenwahns, mit dem gleichen Vorsatz und dem gleichen Willen zur planmäßigen und endgültigen Vernichtung“ durchgeführt wie der an Juden. Der Völkermord an Sinti und Roma wurde jahrzehntelang aus dem historischen Gedächtnis und der öffentlichen Erinnerung verdrängt. Dass sich die Erinnerung an den Porajmos heute grundlegend geändert hat, ist vor allem auf die Bürgerrechtsbewegung der deutschen Sinti und Roma zurückzuführen. Es ist mehr als bedauerlich, dass in Gelsenkirchen bis heute kein dauerhaftes, öffentliches Zeichen des Gedenkens realisiert wurde. Entsprechend Anläufe seit Mitte der 1990er Jahre (u.a. auch vom Landesverband Deutscher Sinti und Roma NRW) wurden von Politik und Stadtverwaltung wiederholt mit unterschiedlichsten Begründungen abgelehnt.

Dauerhaftes Erinnerungszeichen gefordert

Die Lokalpolitik hat schon vor geraumer Zeit vor dem Hintergrund unserer Anregung das Institut für Stadtgeschichte mit der Suche nach einem geeigneten Platz beauftragt. Laut Prof. Dr. Stefan Goch, ehemaliger Leiter des ISG, scheint dieser Platz gefunden, so soll im Zuge der noch nicht abgeschlossenen Neu- bzw. Umgestaltung der Ebertstraße und den damit verbundenen innerstädtischen Plätzen – die bereits an NS-Verfolgte erinnern – vor dem ehemaligen Versorgungsamt an der Vattmannstraße ein Rosa-Böhmer-Platz geschaffen werden. „Das Verfolgungsschicksal des Sinti-Mädchens Rosa Böhmer“ soll, wie schon lange von uns gefordert, stellvertretend an die aus Gelsenkirchen verschleppten und in Auschwitz-Birkenau ermordeten Sinti und Roma erinnern – Mitten im Herzen der Stadt.“ sagt Andreas Jordan, Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins Gelsenzentrum, „Bleibt zu hoffen, das unsere jahrelangen Bemühungen zur Schaffung eines Gedenkortes für die Gelsenkirchener Sinti und Roma tatsächlich schon bald zielführend waren.“


Der Appolonia-Pfaus-Park erinnert in Bochum an die in Auschwitz-Birkenau ermordete Sintezza Appolonia Pfaus, stellvertretend für die ermordeten Bochumer Sinti und Roma. In Gelsenkirchen soll mit dem Rosa-Böhmer-Platz im Herzen der Innenstadt an vetriebene und in der überwiegenden Mehrzahl in Auschwitz-Birkenau ermordete Sinti und Roma dauerhaft erinnert werden. (Foto: Jürgen Wenke)
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Aktionstag: Stolpersteine polieren gegen das Vergessen

Auch in diesem Jahr setzt die Projektgruppe Stolpersteine in Gelsenkirchen die Pflege der Stolpersteine fort. Anlässlich des Internationalen Holocaust-Gedenktages am 27. Januar rufen wir Bürgerinnen und Bürger dazu auf, an diesem Tag alle bisher in Gelsenkirchen verlegten Stolpersteine zu polieren.

Unsere Aktion ist ein wichtiges Symbol zum Gedenken an Opfer des deutschen Faschis-mus 1933-1945. Bürgerinnen und Bürger sind aufgerufen, alleine oder in Gruppen, einen oder meh- rere Stolpersteine wieder zum Glänzen zu brin- gen. Gerade in Zeiten wie diesen, in denen Rassismus in all seinen Auswüchsen, Nationalismus und Antisemitismus immer stärker werden, ist es wichtig, auch mit Aktionen wie dieser die Geschichte nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Weitere Infos: http://www.stolpersteine-gelsenkirchen.de/aktuelles.htm#102


Auf Hochglanz polierte Stolpersteine in Gelsenkirchen-Buer erinnern an Familie Zwecher
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Abschied vom Bergbau

Gelsenkirchen: Errichtung eines Denkmals für NS-Zwangsarbeitende gefordert

Zwangsarbeiter und Gefangene sicherten in den Kriegsjahren die Förderung auch auf den Gelsenkirchener Zechen. Die Geschundenen lebten unter unmenschlichen Bedingungen, ihre Arbeitskraft wurde ausgebeutet bis zuletzt. Viele starben, viele wurden gestorben. Auch das dunkle Kapitel Zwangsarbeit gehört zur Geschichte des Steinkohlebergbaus im Ruhrgebiet und hätte im Jahr des Abschieds vom Bergbau einen angemessenen Platz in den Veranstaltungen und Publikationen verdient. Dem war nicht so.

Kein Vergessen, sondern Erinnern

Unter dem Dach des Gelsenzentrum e.V. hat jüngst eine weitere Projektgruppe ihre Arbeit aufgenommen. Die Projektgruppe will NS-Zwangsarbeit in Gelsenkirchen digital doku-mentieren, die Lebenswege von Opfer würdigen und die Erinnerung an Zwangsarbeitende in der stadtgesellschaftlichen Erinnerung verankern. Damit soll die gesamte Geschichte eines lange verdrängten Verbrechens im lokalhistorischen Kontext abgebildet werden. Die Projektgruppe will sich auch für die Errichtung eines öffentlichen Erinnerungsortes an exponierter Stelle einsetzen, damit soll den Menschen symbolisch ein Teil ihrer Würde zurückgegeben werden.

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Pogromwoche 1938: Erinnerung an ein öffentliches Verbrechen

Vor 80 Jahren: Die Pogromwoche im November 1938 – Antijüdischer Terror

Einige Tage nach der Ausweisung seiner Eltern im Rahmen der so genannten „Polenaktion“ erschoß der erst 17jährige polnische Jude Herschel Feibel Grynszpan aus Verzweiflung darüber am 7. November 1938 einen Nazi-Diplomaten der deutschen Botschaft in Paris. Diese Tat nahmen die deutschen Faschisten bekannter- massen zum Anlass, um die Pogrome 7. bis 16. November 1938 gegen die jüdische Bevölkerung in Deutsch- land zu initiieren.

Vor achtzig Jahren sind in fast allen deutschen Städten Synagogen und jüdische Einrichtungen durch Inbrandsetzungen in Flammen aufgegangen. In arbeitsteiliger Zusammenarbeit zwischen Ordnungs-, Sicherheits- und Kriminalpolizei, SS, Organisationen der NSDAP sowie der Feuerwehr wurde ein „kontro- lliertes“ Abbrennen der Synagogen sichergestellt und gewährleistet, dass die Flammen nicht auf „arisches“ Eigentum übergriffen. Hinzu kommen unzählige verwüstete Wohnungen jüdischer Mitbürger, zerstörte Altersheime und Friedhöfe. Nach bisherigen Schätzungen wurden durch die Pogromwoche zwischen 400 und 1.300 jüdische Menschen getötet oder in den Suizid getrieben.

Nazi-Schergen vergießen eine brennbare Flüssigkeit, um eine Synagoge in Brand zu setzen.

Ein jüngst aufgetauchtes Fotoalbum aus einem Nachlass dokumentiert Zerstörung und Gewalt, gerichtet gegen Leib und Leben jüdischer Menschen in der Pogromwoche im Novemeber 1938 in Fürth. In einzeln Sequenzen auch ist die Inbrandsetzung der Fürther Synagoge festgehalten, andere Aufnahmen zeigen misshandelte und verletzte Menschen, die ihren Peinigern völlig schutzlos ausgeliefert sind. Die bisher unveröffentlichen Fotografien zeigen exemplarisch mit großer Eindringlichkeit, mit welcher menschenver- achtender Bestialität die Nazi-Schergen ihre Schandtaten begehen. Schockierend, das so oft Gehörte und Gelesene auf diesen Fotos zu sehen: Zum Fotoalbum Pogromwoche November 1938

Wer bisher geglaubt hat, das Pogrom habe erst in den späten Abendstunden des 9. November 1938 begon- nen, hat Grund zur Änderung dieser Auffassung. Erste gegen jüdische Deutsche gerichtete Ausschreitungen gab es bereits am Abend des 7. November mit Bekanntwerden des Attentats von Paris beispielsweise in Kassel. Am 8. November wurde die Synagogen in Bad Hersfeld und Gelsenkirchen (Altstadt) in Brand gesetzt, am Abend des 8. November starb das erste jüdische Pogromopfer: In Felsberg südlich von Kassel starb Robert Weinstein an den Folgen der Misshandlung. Auch ließen sich die einmal entfesselte Gewalt und der landesweit agierende Mob nur mit Mühe wieder bändigen: Trotz des offiziellen Stopps, der am Nachmit- tag des 10. November per Rundfunkappellen verbreitet und am 11. November in Zeitungen erneut veröffent- licht wurde, gingen die Angriffe, Plünderungen und Verhaftungen teilweise noch tagelang weiter. Keine Frage, für die meisten Juden war der Einbruch der brachialen Gewalt kurz vor Mitternacht des 9., meist aber erst im Laufe des 10. November, die zentrale Erfahrung.

Doch von einer Pogromnacht zu sprechen, ist eine offenkundige Bagatellisierung der tatsächlichen Ent- wicklung – hätte es nur die Nacht vom 9. auf den 10. November gegeben, hätten viele Juden jedenfalls diese Tage und Wochen überlebt. Deshalb sollte diese Bezeichnung, die das ganze Pogrom von seinen Anfängen am 7. November bis zu seinen Ausläufern um den 16. November (Ende der Verhaftungswelle) narrativ-dramaturgisch wirksam auf eine Nacht gleichsam miniaturisiert, tunlichst ins gut gefüllte, aber leider noch nicht geschriebene „Wörterbuch der Verharmlosung des Nationalsozialismus“ einsortiert werden. Die Pogromwoche war ein öffentliches Verbrechen, in juristischen Begriffen ausgedrückt: Mord und Totschlag, Körperverletzung, Freiheitsberaubung, Diebstahl, Erpressung und Nötigung, Sachbeschädigung, Vergewal- tigung. Noch nicht geplanter Völkermord, aber weit mehr als bloß lokaler Pogrom, war es eine staatlich inszenierte, reichsweite, bis dato singuläre Gewalt- und Terrorwelle, der über tausend Menschen zum Opfer fielen und in der ein Großteil der soziokulturellen Infrastruktur jüdischen Lebens zerstört wurde.

Bezüglich der Inbrandsetzung der Gelsenkirchener Synagoge in der Altstadt gab es nach 1945 ein Straf- verfahren gegen den mutmaßlichen Brandstifter der hiesigen Synagoge in der Altstadt, Werner Montel. Das Jüdische Hilfskomitee Gelsenkirchen hatte mit Datum 3. Oktober 1946 die Staatsanwaltschaft Essen schriftlich um die Einleitung eines Verfahrens “ (…) wegen der in der Nacht vom 8. zum 9. November 1938 erfolgten Niederbrennung der Synagoge in Gelsenkirchen, Neustrasse.“ gebeten. Liest man sich die Straf- prozeßakte durch, lässt sich feststellen, dass auch in den Zeugenaussagen durchweg von einer Inbrand- setzung der Gelsenkirchener Synagoge gegen 22.30 Uhr am 8. November 1938 gesprochen wird, ebenso in der Anklage- schrift und im Urteil. Auch in so genannten „Wiedergutmachungsakten“ findet sich dieses Datum. Es darf folglich davon ausgegangen werden, das auch in Gelsenkirchen bereits am Abend des 8. November in vorauseilendem Gehorsam die Synagoge in der Altstadt in Brand gesetzt worden ist.

Ein Stapel hebräischer Gebetbücher und anderer jüdischer religiöser Texte, die in der Synagoge in Bobenhausen (Vogelsbergkreis) während der Pogromwoche im November 1938 durch Feuer beschädigt wurden. Foto: USHMM, Photograph Number: N00445

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Zwangsarbeit in der NS-Zeit: Die Schatten der Geschichte

Sammelgrab in Schalke-Nord

Bei Recherchen zu Opfern der Zwangsarbeit 1940-1945 in Gelsenkirchen stieß Lokalhistoriker Andreas Jordan (Gelsenzentrum, Stolpersteine Gelsenkirchen) im Online-Archiv des Internationalen Suchdienstes (ITS) auf einen Lageplan aus der direkten Nachkriegszeit. Darin verzeichnet: ein Sammelgrab für „56 Ita- liener“ im Bereich der Hubertusstraße in Schalke-Nord.

Welches Ereignis dem Tod der in dem Sammelgrab verscharrten Toten vorausgegangen ist, direkte Kriegs-einwirkung, ein Unglück oder ein Gewaltereignis, liegt derzeit noch im Dunkeln. Ebenso ist bisher nicht bekannt, ob es nach dem Krieg Umbettungen gegeben hat. Sollte das der Fall sein, stellt sich die Frage: Wo haben diese Toten ihre letzte Ruhestätte gefunden? „Wir stehen mit unseren Recherchen zu diesem Sam-melgrab am Anfang, entsprechende Anfragen an die Stadt haben wir gestellt, warten nun auf Antworten“ sagt Jordan, und weiter „Sollte sich der Verdacht bestätigen, das sich an dieser Stelle ein „vergessenes“ Sammelgrab befindet, muß alles getan werden, um die sterblichen Überreste der Menschen würdig zu behandeln und möglichst den Toten ihre Namen wiederzugeben.“

In der Nähe des Sammelgrabes waren während des zweiten Weltkrieges hunderte Zwangsarbeiter verschie-dener Nationalitäten, darunter auch italienische Kriegsgefangene, in Lagern interniert. Eines der Zwangsar-beiterlager (Mannesmann Röhrenwerke, Abt. Grillo-Funke) befand sich an der Hubertusstrasse. Auch in der damaligen Schule an der Caubstrasse 25 waren 164 Italiener „untergebracht“ (Dortmunder Union Brücken-bau), das Werk Orange unterhielt ein Barackenlager am Stadthafen 81, dort waren 68 kriegsgefangene Italiener „untergebracht“. Ob die 56 Toten mit diesen oder anderen Zwangsarbeiterlagern Gelsenkirchens in Verbindung stehen, muss jetzt geklärt werden.

***UPDATE/FORTSCHREIBUNG: Sammelgrab Schalke-Nord: Sie haben die Heimat nie wieder gesehen

Die so genannten „Italienischen Militärinternierten“ (IMI) wurden durch eine erbarmungslose Ausbeutung ihrer Arbeitskraft, Nahrungsmittelentzug und fehlende medizinische Betreuung teilweise sogar schlechter behandelt als die sowjetischen Kriegsgefangenen. Die Lebensbedingungen in den Barackenlagern waren unmenschlich: Hunger, Zwangsarbeit, Krankheiten und Bombenangriffe kosteten Zehntausenden das Leben.

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Gelsenkirchen: Gedenkstätte mit Skulptur ergänzt

Neue Skulptur auf Horster Südfriedhof erinnert an weibliche KZ-Häftlinge

Am 11. September 1944 starben durch einen Bombenangriff auf die Gelsenberg Benzin AG mehr als 140 jüdische KZ-Häftlinge. Die Frauen und Mädchen waren im Sommer 1944 in Auschwitz zur Ableistung von Zwangsarbeit bei der Gelsenberg Benzin AG selektiert und nach Gelsenkirchen verschleppt worden. Mit einer kleinen Gedenkfeier auf dem Horster Südfriedhof wurden am Sonntag (16.9.) vor dem bereits vorhandenen Mahnmal eine neue Skulptur und Tafeln mit dem historischen Kontext sowie den bisher bekannten Namen der Frauen, die bei dem Bombenangriff auf die Gelsenberg Benzin AG am 11.September 1944 ums Leben kamen – nicht zuletzt weil ihnen als Jüdinnen der Zutritt zu Bunkern und Schutzräumen verboten war – der Öffentlichkeit übergeben. Steinmetzschüler des Hans-Schwier-Berufskollegs haben die neue Skulptur aus Bamberger Sandstein geschaffen. Die grobbehauene Skulptur soll eine Frau erkennbar werden lassen, die mit einem Trümmerstück in den Händen auf einem Steinsockel kniet, ohne individuelle Gesichtszüge zu zeigen – als Symbol für alle jüdischen Zwangsarbeiterinnen. Im Boden wird die Skulptur von einem Davidstern aus Naturstein eingefasst.

Augestellt auf dem Rasenstreifen vor dem bereits vorhandenen Gedenkstein erinnert die neue Skulptur an NS-Unrecht

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Abschied vom Bergbau: Am Schwarzen Gold klebt auch Blut

Glück Auf, der ‚Schweiger‘ kommt

Die letzte Zeche im Ruhrgebiet schließt 2018, so wird vielen Medien derzeit von der Geschichte des Stein-kohlebergbaus im Ruhrgebiet erzählt. Eines haben die Publikationen und Berichte gemeinsam, ein für manche unangenehmes, aber bedeutsames Kapitel wird zumeist verschwiegen: die Zwangsarbeit im Ruhrbergbau in den Jahren 1940-1945.

Im Jahr 1944 haben in der Spitze allein rund 120.000 sowjetische Kriegsgefangene und so genannte „Ostar-beiter“ im Ruhrbergbau teils unter schlimmsten Bedingungen für das Nazi-Regime schuften müssen. Das blieb bis Kriegsende nahezu unverändert. Ohne das Heer der Zwangsarbeitenden wäre der Steinkohle-Bergbau an der Ruhr zwischen 1940-1945 wohl fast zum Erliegen gekommen.

Die Arbeits- und Lebensbedingungen der im Bergbau eingesetzten „Arbeitssklaven“ waren von Beginn an besonders schlecht. Die ideologische Verachtung der Faschisten gegenüber den in ihren Augen „slawischen Untermenschen“ zeigte sich auch in einer völlig unzureichenden Verpflegung, Unterbringung und oftmals fehlender medizinischen Versorgung der zwangsrekrutierten Menschen.

Diese barbarische Vorgehensweise brachte naturgemäß auch eine hohe Sterblichkeitsrate unter den Zwangsarbeitern mit sich, ein großer Teil der Menschen kam in den Unterkünften, Lagern und Schächten ums Leben. Wachmannschaften und Gestapo taten Ihr übriges, willkürliche Erschießungen sind überliefert. Auch Berichte über Misshandlungen mit Todesfolge an den sowjetischen Arbeitskräften finden sich im Ruhrbergbau für die Zeit zwischen 1940-1945 häufig. Vielfach nutzten deutsche Belegschaftsmitglieder ihre große Machtfülle zu willkürlichem Prügeln der Zwangsarbeitenden aus. Darüber hinaus gab es vielfältige Formen von Schikanierungen und Diskriminierungen im Zechenbetrieb, von denen das Nackt-Anfahren-Lassen der „Russen“ bei Minusgraden eine besonders erniedrigende Form darstellte.

Allein für den ehemaligen Zechenstandort Gelsenkirchen lassen sich mindestens 3.500 Tote Zwangsarbei-tende und Kriegsgefangene im Steinkohlebergbau, in den Unterkünften und Lagern für die Zwangsarbeiter an den jeweiligen Schachtstandorten feststellen. Die wenigsten dieser entrechtenden Menschen haben dabei durch alliierte Bombenangriffe – denen sie schutzlos ausgesetzt waren – ihr Leben verloren, sondern durch Hunger, Gewalt, Krankheit und Entkräftung.

Auch das dunkle Kapitel der Zwangsarbeit gehört zur Geschichte des Bergbaus im Ruhrgebiet und hätte grade im Jahr des Abschieds vom Bergbau einen angemessenen Platz in den Veranstaltungen und Publikationen verdient. Selbstvergessenes Schweigen ist gänzlich fehl am Platz. (AJ)

Personalkarte des sowjetischen Kriegsgefangenen Nicholai Panfilow, geb. am 18.08.1920, Kursk, Erkennungsmarke 2012. E r musste im Arbeitskommando der Zeche Nordstern in Gelsenkirchen-Horst Zwangsarbeit leisten, bei einem Bombenangriff am 23.11.1944 kam Panfilowzu Tode.
Er wurden am 25. 11.1944 auf dem Horster Südfried bestattet.Grablage Nicholai Panfilow: Feld
3, Reihe 11, Grab 689. (Quelle Personalkarte: OBD Memorial)

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Endphasenverbrechen: Nur wenige Tage fehlten zur Freiheit

Stolperschwelle soll in Buer an Zwangsarbeiter erinnern

Auch in Gelsenkirchen gab es in den letzten Wochen und Monaten vor Kriegsende zahlreiche Endphasen-verbrechen, die sich vornehmlich gegen Zwangsarbeitende richteten. An Endphasenverbrechen waren alle NS-Täterformationen beteiligt: NSDAP-Funktionäre, Wehrmacht, Volkssturm, SS, Hitlerjugend und auch Zivilisten. Geheime Staatspolizei und Kriminalpolizei traten dabei jedoch mit besonderer Brutalität und Vernichtungswillen in Erscheinung. Noch am 28. März 1945, zwei Tage bevor US-Soldaten im Norden das Stadtgebiet Gelsenkirchens erreichten, erschossen Beamte der Gestapo Buer elf Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter im Westerholter Wald.

Neben KZ-Gefangenen bildeten ausländische Zwangsarbeitende eine weitere große Gruppe, gegen die sich die Gewalt der letzten Kriegsmonate ungebremst entludt. Sie galten als besonders gefährlich, als „Feind im Innern“. Schon allein ihre große Zahl schürt bei den Deutschen Sorge, dass sie beim Heranrücken der alliierten Truppen nicht mehr zu kontrollieren sein werden: Millionen „ausländische Arbeitskräfte“, so die damalige NS-Bezeichnung, mussten auf dem Gebiet des „Deutschen Reichs“ u.a. für die Kriegswirtschaft schuften. Alle ausländischen Arbeitskräfte wurden durch einen rassistisch-bürokratischen Repressions- und Kontrollapparat aus Wehrmacht, Arbeitsamt, Werkschutz, Polizei und SS streng überwacht. Kleinste „Ver-gehen“ von Zwangsarbeitern hatten zumeist den Tod zur Folge.

Ausländische Zwangsarbeiter wurden grade in der Endphase des Krieges als Bedrohung angesehen, ins-besondere von den Polizeibehörden. „Das Prinzip der Gefahrenabwehr durch Abschreckung mittels einer Verschärfung und Brutalisierung der Maßnahmen wurde in der Kriegsendphase zum handlungsleitenden Standard der Polizeiarbeit gegenüber den Ausländern.“ Es kommt zu zahlreichen Gewaltexzessen an KZ-Gefangenen und Zwangsarbeitern, aber auch an den eigenen „Volksgenossen“, an deutschen Soldaten und Zivilisten, die nicht mehr an den propagierten „Endsieg“ glauben wollen.

Die Verbrechen „an Gefängnisinsassen und ausländischen Zwangsarbeitern durch die Gestapo replizierten die Mordmethoden der Einsatzgruppen und Polizeibataillone im Osten – nunmehr allerdings im Reich selbst“. Sie spielt sich nicht mehr fernab des täglichen Lebens der meisten Deutschen ab – nicht an weit entfernten Frontlinien oder hinter den Zäunen und Mauern der Konzentrations- und Vernichtungslager -, sondern mitten im Kerngebiet des Deutschen Reiches, vor der „Haustür der Gesellschaft“.

In diesem Kontext steht die geplante Verlegung einer Stolperschwelle vor dem Polizeipräsidium Gelsen-kirchen-Buer. Dort befand sich neben dem Dienstsitz von Gestapo (Außenstelle Buer) und der Kriminal-polizei auch das Polizeigefängnis Buer, von dort begann für zahlreiche Menschen der Weg in den Tod. Die Stolperschwelle wird symbolhaft im Gedenken an mehr als 40.000 Männer, Frauen und Kinder aus West- und Osteuropa verlegt, die in Gelsenkirchen zwischen 1940 und 1945 als Zivilisten oder Kriegsgefangene zur Ableistung von Zwangsarbeit in der Deutschen Kriegswirtschaft und Rüstungsproduktion ausgenutzt und als billige Arbeitskräfte ausgebeutet worden sind. Mehr als 3.500 Zwangsarbeitende starben in Gelsenkirchen zwischen 1940-1945 durch „Arbeitsunfälle“, Mißhandlungen, gezielte Tötungen, hinzu kamen Sterbefälle durch Mangelernährung und unzureichende medizinische Versorgung.

Das 1927 eingeweihte Polizeiamt in Gelsenkirchen-Buer, einer der vielen Unrechtsorte während der Zeit der faschistischen Gewaltherrschaft 1933-1945. In dem Gebäude befand sich auch das Polizeigefängnis mit acht Einzel- und zwei Sammelzellen. Von dort begann für viele Menschen der Weg in den Tod.

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Gelsenkirchen: Denkanstöße für den Alltag

Weitere Stolpersteine werden im Mai verlegt

Mit Gunter Demnigs Stolpersteinen, die am letzten frei gewählten Wohnort von Opfern der Nazidiktatur verlegt werden – und das sind bei weitem nicht nur jüdische Mitbürger, sondern auch Sinti und Roma, politisch Andersdenkende, Homosexuelle, kritische Christen, Zeugen Jeho- vas und Personen mit psychischen oder physi- schen Erkrankungen – gedenken wir dauerhaft Menschen, die früher hier gelebt haben und wegen ihren Auffassungen, ihren Neigungen, Veranlagungen und Erkrankungen verfolgt, gequält und getötet wurden. Einbezogen werden dabei auch Menschen, denen die Flucht gelang und jene, die als letzte autonome Handlung ihrem Leben selbst ein Ende setzten. Die kleinen Denkmale sollen nicht zuletzt auch darauf aufmerksam machen, wozu Rassenhass, Fremdenfeindlichkeit und Dehumanisierung letztendlich führen können. Zur Teilnahme an den Verlegungen am 23. Mai 2018 sind alle Mitbürgerinnen und Mitbürger herzlich eingeladen. An 4 Orten in Gelsenkirchen wird Gunter Demnig 12 weitere Stolpersteine in das Pflaster Gelsenkirchener Gehwege einsetzen. Orte und Zeiten hier.

Stolpersteine für Familie Spiegel, verlegt am 8. Oktober 2012 vor dem Haus Kirchstrasse 65 in Gelsenkirchen.

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