Campinplatz-Betreiber empören mit rassistischer Aussage

Eging am See ist ein Luftkurort im niederbayerischen Landkreis Passau. Eigentlich ein beschauliches Fleckchen Erde, von dem wahrscheinlich die wenigsten bisher gehört haben. Wären da nicht die Betreiber des örtlichen Campingplatzes „Pullmann-Camping“, sorgten diese doch jüngst mit einer rassistischen Aussage für einen Shitstorm in sozialen Medien. Laut den Angaben auf der Internetseite von Pullmann-Camping wird der Platz von der Familie Stefan Schramm betrieben.

Handelsreisende, Schausteller, Sinti und Roma unerwünscht

Was war Geschehen? Einem Anfragenden wurde Folgendes mitgeteilt: „Wir weisen Sie darauf hin, das wir keine Handelsreisende, Schausteller sowie Mitglieder von Sinti und Roma auf unserem Campingplatz aufnehmen.“ Es kam, was kommen musste: eine Flut von negativen Google-Bewertungen für den Pullman-Campingplatz.

"Wir weisen Sie darauf hin, das wir keine Handelsreisende, Schausteller sowie Mitglieder von Sinti und Roma auf unserem Campingpkatz aufnehmen."
Eine der Google-Bewertungen: „Ich sehe in der Ausgrenzung der Minderheit durch Pullmann-Camping eine Kontinuitätslinie zur NS-„Rassenpolitik“, Fazit: Pullmann-Camping kann ich daher nicht empfehlen.“

Ein Großteil der negativen Bewertungen waren jedoch nach wenigen Stunden nicht mehr sichtbar, möglicherweise gelöscht. Eine Bewertung hingegen wurde nicht gelöscht, diese stammt augenscheinlich von einem AfD-Fan:

Pullmann-Camping: Rassisten bleiben lieber unter Ihresgleichen

Sinti und Roma gehören zu den vier anerkannten nationalen Minderheiten in Deutschland. Als solche stehen sie unter dem Schutz des Rahmenübereinkommens des Europarates zum Schutz nationaler Minderheiten, das 1998 in Deutschland in Kraft getreten ist. Sinti und Roma leben teils seit vielen hundert Jahren in Deutschland. Zugleich sind sie so stark von Ausgrenzung und Diskriminierung betroffen wie kaum eine andere Bevölkerungsgruppe. Davon zeugt auch der hier exemplarisch geschilderte Vorfall, so geschehen in Deutschland im Jahr 2019.

+ + + Update 18.01 Uhr: Mittlerweile beschäftigt sich auch SPIEGEL ONLINE mit der rassisitischen E-mail des Campingplatzbetreibers: (…) Der Fall bekam nun Aufmerksamkeit, weil Niema Movassat, Bundestagsabgeordneter der Linken, das Schreiben von Pullman Camping in Eging am See in den sozialen Medien weiterverbreitete. Er habe es bei einem Bekannten gesehen und als „äußerst krass und kaum vorstellbar im 21. Jahrhundert“ empfunden, sagt der 34-Jährige. Rassismus sei zwar ein verbreitetes Problem, werde aber selten so deutlich zur Schau getragen. „Dass ein Unternehmer so klar einem Kunden gegenüber äußert, dass Sinti und Roma nicht erwünscht sind, ist eine Dimension, die ich noch nicht erlebt habe.“ (…). Artikel lesen

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Bildende Kunst für die Erinnerung

Gelsenkirchen: Projektgruppe Stolpersteine bringt Gunter Demnigs Kunst in den öffentlichen Raum

Stolpersteine sind ein Kunstprojekt des Bildhauers Gunter Demnig für Europa. Seit 2009 werden die kleinen Denkmale von einer zivilgesellschaftlichen Initiative auch in Gelsenkirchen verlegt. „Die Stolpersteine sprechen mit uns, still, leise und unaufdringlich, 365 Tage im Jahr, rund um die Uhr. Eine ihrer Botschaften lautet: Zur Mahnung an uns, jeder Missachtung des Lebens und der Würde des Menschen mutig und ohne Zögern entgegenzutreten.“ so lautet das einhellige Credo der Projektgruppe des Gelsenzentrum , einem gemeinnützigen Verein für regionale Kultur- und Zeitgeschichte in Gelsenkirchen.

Erinnern für die Zukunft

Flächenbündig in die Gehwege eingelassen sind Stolpersteine Erinnerungszeichen, die zusammengenommen ein außergewöhnliches, dezentrales Denkmal bilden. Es entsteht langsam, ist auf viele Orte und Länder Europas verteilt und fügt sich erst im Kopf des Betrachters zu einem Ganzen. Seit 2009 ist auch Gelsenkirchen Teil dieses weltweit größten dezentralen Denkmals. Die Stolpersteine markieren Erinnerungs- und Lernorte im öffentlichen Stadtraum. Sie werden genau dort verlegt, wo einst die Menschen wohnten, die in der Zeit der NS-Gewaltherrschaft diskriminiert, verfolgt, vertrieben, verschleppt oder ermordet wurden. „Meine Kunst liegt jedem zu Füßen“ sagt Bildhauer Gunter Demnig, „Dort, wo die Menschen ihren Lebensmittelpunkt hatten, ihr Zuhause, genau dort wird Vergangenheit mit Gegenwart konfrontiert.“ Der Gelsenkirchener Stolperstein-Projektleiter Andreas Jordan ist überzeugt: „Stolpersteine erinnern für die Zukunft, denn Niemand kann aus der Vergangenheit seines Volkes austreten.“

Bildhauer und Spurenleger Gunter Demnig bei der Verlegung von Stolpersteinen im Gelsenkirchenener Kreativ.Quartier Ückendorf im Mai 2019. Foto: Andreas Jordan, Gelsenzentrum e.V.

Demnigs Kunstprojekt ist weltweit anerkannt, in Gelsenkirchen jedoch tut man sich von Seiten der Stadtverwaltung und der Politik mit dieser Form der Erinnerung auch nach mehr als zehn Jahren Stolpersteinverlegungen in unserer Stadt noch immer schwer. Es wird wohl noch weitere Zeit ins Land gehen, bevor die Verantwortlichen auch in Gelsenkirchen akzeptieren, was Stolpersteine auch sind: Kunst im öffentlichen Raum, getragen von bürgerschaftlichem Engagement und eben nicht von „Oben“ verordnete „offizielle“ Erinnerungskultur. Peter Rose, Gelsenkirchener Kulturdezernent a. D. hat dazu einmal folgendes geschrieben: „Ich halte die Stolperstein-Idee wegen ihrer alltäglich gegenwärtigen dezenten Anstößigkeit zum Nachdenken als zivilgesellschaftliches Projekt für geeigneter als die offiziellen Gedenkstätten, an denen von Amts wegen gelegentlich „pflichtgemäß“ und repräsentativ das zeremonielle Abfeiern erfolgt.“

Menschen wie du und ich

Besonders für die jüngeren Generationen bieten Gunter Demnigs Stolpersteine eine ganz besondere Möglichkeit zur Auseinandersetzung mit der NS-Gewaltherrschaft und der Erinnerung an Opfer nationalsozialistischer Verfolgung. Am Projekt beteiligte Schülerinnen und Schüler finden so einen ganz direkten Zugang zur lokalen NS-Geschichte. Die Beschäftigung mit einzelnen Personen oder Familien beispielsweise im Unterricht kann dazu beitragen, die abstrakte Zahl von mindestens dreizehn Millionen Ermordeten innerhalb der verschiedenen Verfolgtengruppen zu realisieren. Jeder einzelne Mensch hatte seine individuelle Lebens- und Leidenswege, viele waren in demselben Alter wie die Jugendlichen, die sich heute am Projekt Stolpersteine beteiligen. Für die Schülerinnen und Schüler handelt es sich durch die intensive Beschäftigung mit dem Thema im Rahmen des Projektes Stolpersteine nicht mehr um anonyme Opfer, sondern um Menschen wie du und ich.

Mitwirkende der Gelsenkirchener Projektgruppe Stolpersteine reflektieren den Verlegetag 2019 im Kunstmuseum Gelsenkirchen gemeinsam mit dem Urheber der Stolpersteine Gunter Demnig. V.l.n.r.: Andreas Jordan (Projektleiter), Gunter Demnig (Bildhauer), Heike Jordan (Aktivistin) und Juri Zemski (Kantor). Foto: Jesse Krauß
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Lebensspuren sichtbar machen – Stolperschwelle und 17 weitere Stolpersteine in Gelsenkirchen

Aufmerksam verfolgten Schülerinnen und Schüer der Klasse 7.2. der Gesamtschule Berger Feld am Donnerstag die Arbeit von Bildhauer und Spurenleger Gunter Demnig. Dichtgedrängt umringten die jungen Menschen die Verlegestellen im Kreativquartier Ückendorf. Die Jugendlichen haben jüngst die Patenschaft für einen Stolperstein für einen 15jährigen Schüler übernommen, der 1942 im deutschen Vernich-tungslager Auschwitz ermordet wurde. Dieser Stolperstein für Walter Hes wird im nächsten Jahr vor dem Grillo-Gymnasium verlegt.

Stolpersteinpatin Uta Meyhöfer ist eigens aus Norddeutschland nach Gelsenkirchen gekommen. Sie hat die mit der Übernahme von Patenschaften die zehn Stolper-steine finanziert, die nun an der Bergmannstraße an die Familien Heymann, Löwenstein und Windmann erinnern. Ihre eigene Familiengeschichte ist eng mit den ehemaligen jüdischen Bewohnern des Hauses verbunden: Ihre Mutter hat als Kind dort gewohnt, in einer der Wohnungen, aus dem zuvor die Juden vertreiben worden sind. Ihr Großvater hatte seinerzeit Möbel der jüdischen Menschen „übernommen“, eine Vitrine steht noch heute bei einem Familienmitglied in Norddeutschland.

Stolpersteinpatin Ingrid Remmers (MdB DIE LINKE) ließ es sich nicht nehmen, an der Verlegung „ihrer“ Stolpersteine in Erinnerung an Familie Buchthal an der Bochumer Straße teilzunehmen – sie hatte die Patenschaft und damit die Finanzierung dieser drei Stolpersteine übernommen. In ihrem Redebeitrag betonte Remmers, wie wichtig der Einsatz für unsere Demokratie ist: „Auch diese drei Stolpersteine sollen Erinnerung und Mahnung zugleich sein. Lasst uns auch zukünftig Menschen in ihrem Anderssein akzeptieren, lasst uns widerstehen bei Menschenrechts-verletzungen.“ Die Bundestagsabgeordnete bedankte sich persönlich bei Bildhauer Demnig für seine ausdauernde und hervorragende Erinnerungsarbeit.

Ihre Fortsetzung fand die Verlegung der kleinen Denkmale an der Hedwigstraße in Resse. Vor dem Emmaus-Hospiz erinnert nun ein Stolperstein an den jüdischen Arzt Dr. Samuel Hocs, der, bevor er von den Nazis vertreiben wurde, als Assistenzarzt am damaligen St. Hedwig-Hospital tätig war. Stolpersteinpatin Astrid Kramwinkel stellte mit bewegenden Worten die Fluchtgeschichte des jüdischen Arztes dar, die 1933 in Nazi-Deutschland ihren Anfang nahm. Sichtlich bewegt lauschten die Teilnehmenden der musikalischen Darstellung dieser Flucht, die junge Flötistin Maria Jarowaja improvisierte auf der Querflöte die Odysee von Dr. Hocs, die schließlich in Südamerika endete.

Die heutigen Bewohner des Hauses, in dem Dr. Caro mit Frau und Sohn vor der Flucht nach Holland lebte und praktizierte, erfuhren bisher ihnen unbekannte Details aus dem Leben der Arztfamilie. Die Caros konnten mit Hilfe der holländischen Widerstandsbewegung versteckt die Befreiung erleben. Dr. Caro kehrte nach Buer zurück und nahm seine Tätigkeit als Arzt in seinem Haus an der Buer-Gladbecker-Straße, das ihm die Nazis zuvor geraubt hatten, wieder auf. Eine ehemalige Patientien von der Caro, heute 94 Jagre alt, nahm ebenfalls an der kleinen Zeremonie teil, „Ich erinnere mich gut an Dr. Caro, er war mein Hausarzt“ erzählte uns die betagte Dame.

Die Kreispolizeibehörde Gelsenkirchen entsandte eine offiziellle Vertreterin, die an der Verlegung der ersten Stolperschwelle Gelsenkirchens vor dem Polizeipräsidium Buer teilnahm. Der Text auf der Stolperschwelle erinnert an die mehr als 40.000 Menschen aus Ländern West- und Osteuropas, die zwischen 1940-1945 zur Ableistung von Zwangsarbeit nach Gelsenkirchen verschleppt worden sind.

Gleichwohl macht die Stolperschwelle einen der Gelsenkirchener NS-Unrechtsorte wieder sichtbar, denn im Polizeipräsidium befand sich neben dem Dienstsitz der Gestapo und Kripo auch ein Polizeigefängnis, ein dunkler Ort. Waren im Polizei-gefängnis in den ersten Jahren nach der Machtübergabe vornehmlich Regimegegner inhaftiert, stieg die Zahl der Gefangenen in den letzten beiden Kriegsjahren um ein Vielfaches an, zumeist waren es nun Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, die dort eingesperrt und gequält wurden. Für alle dort inhaftierten waren die Zellen im Polizei-gefängnis Buer ein Ort der Ungewissheit und Angst, des Hungers, der Folter und Schmer-zen, von dort begann für viele Zwangsarbeitende der Weg in einen gewaltsamen Tod.

Am 23. Mai 2019 hat Gelsenkirchen eine erste Stoperschwelle bekommen. Stolperschwellen sind eine Sonderform der Stolpersteine, sie werden von Bildhauer Gunter Demnig gestaltet und verlegt. Stolpersteine sind jeweils einem einzelnen Individuum gewidmet, Stolperschwellen erinnern an Opfergruppen und Unrechtsorten.
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Gelsenkirchen bekommt erste Stolperschwelle

Das Polizeigefängnis Buer war einer der NS-Unrechtsorte Gelsenkirchens. In den letzten beiden Kriegsjahren stieg die Zahl der dort vielfach zu unrecht Inhaftierten um ein Vielfaches an, zumeist waren es Zwangsarbeitende. Für sie alle waren die Zellen im Polizeigefängnis Gelsenkirchen-Buer ein Ort der Ungewissheit und Angst, des Hungers, der Folter und Schmerzen, für viele Menschen begann dort der Weg in den Tod.

Noch Ende März 1945 wurde vom Polizeigefängnis Buer eine Gruppe Zwangsarbeiter über die Goldbergstraße zum Westerholter Wald getrieben und dort von Gestapoangehörigen erschossen. An Unrecht und das Leid all dieser Menschen wird die Stolperschwelle erinnern, die wir am 23. Mai gemeinsam mit Bildhauer Gunter Demnig vor dem Polizeipräsidium Buer in den Boden einlassen.

Die Stolperschwelle wirkt bereits vor Verlegung

Natürlich sind der Stadtverwaltung Gelsenkirchen und auch der Kreispolizeibehörde Gelsenkirchen unsere Recherchen und vorbereitenden Aktivitäten hinsichtlich der Stol- perschwelle, die an den NS-Unrechtsort Polizeigefängnis Buer erinnern wird, nicht verborgen geblieben.

Bereits vor ihrer Verlegung wirkt die Stolperschwelle und gibt Impulse: Nicht zuletzt auf Basis unserer neuesten Forschungsergebnisse zu einem der Endphasenverbrechen des zweiten Weltkrieges in Gelsenkirchen ist der Text auf der Tafel an der alten Polizeiwache jüngst entsprechend überarbeitet und aktualisiert worden. Nun finden auch die im März 1945 im Westerholter Wald ermordeten Menschen im Tafeltext Erwähnung.

Zur Teilnahme an der Verlegung der Stolperschwelle am 23. Mai, 16.00 Uhr sind interessierte Bürgerinnen und Bürger herzlich eingeladen.


Rechtzeitig vor der Verlegung der Stolperschwelle wurde die neue Tafel
mit dem überarbeiteten Text angebracht
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Stolpersteine Gelsenkirchen: „Die Steine sprechen mit uns.“

Zum Gedenken an Opfer des Nationalsozialismus wurden vor deren früheren Wohn- häusern bislang 198 sogenannte Stolpersteine in ganz Gelsenkirchen verlegt. Am 23. Mai kommen insgesamt 17 weitere und eine Stolperschwelle hinzu. Bildhauer und Stolper- stein-Erfinder Gunter Demnig wird an fünf Stellen im Stadtgebiet tätig, gemeinsam mit unserer Initiative, Paten und Anwohnern. Verlegt werden an diesem Tag zehn Stolper- steine an der Bergmannstr. 41 (Familien → Heymann und → Löwenstein), drei an der Bochumer Str. 92 (Familie → Buchthal), einer an der Hedwigstr. 1 (→ Dr. Samuel Hocs), drei an der Buer-Gladbecker-Str. 12 (Familie → Caro) und eine Stolperschwelle (→ NS-Unrechtsort Polizeigefängnis/Zwangsarbeitende) an der Kurt-Schumacher-Str./Ecke Hölscherstr..

Wir bitten Bürgerinnen und Bürger, die an den Verlegungen teilnehmen wollen, die einzelnen Uhrzeiten bei uns zu erfragen. Auf unserer Internetpräsenz veröffentlichen wir die Uhrzeiten nicht mehr, da die Verlegezeremonien vor allem für Angehörige oftmals emotionale Ereignisse und sehr intime Momente sind. Mail: info(ätt)stolpersteine-gelsenkirchen.de

Stolpersteine sind ein Projekt des Bildhauers Gunter Demnig. Seit 2009 werden die kleinen Denkmale auch in Gelsenkirchen verlegt. Die Stolpersteine sprechen mit uns, still, leise und unaufdringlich, 365 Tage im Jahr. Eine ihrer Botschaften lautet: „Zur Mahnung an uns, jeder Missachtung des Lebens und der Würde des Menschen mutig und ohne Zögern entgegenzutreten.“
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NS-Namensgeber: Haltestelle wird aufgehoben

Im Februar 2019 wurde das zwischen Dortmund und Castrop-Rauxel gelegene Steinkohlekraftwerk „Gustav Knepper“ gesprengt. Damit wurde das Fortwirken des ehemaligen NS-Wehrwirtschaftsführers Gustav Knepper als Namengeber für das Kraftwerk beendet. Jedoch ist eine Haltestelle der Linie 361 der Straßenbahn Herne-Castrop-Rauxel Gmbh (HCR) noch nach dem „Kraftwerk Knepper“ benannt.

Für den gemeinnützigen Verein Gelsenzentrum Grund genug, bei der HCR nachzufragen, ob man vor dem Hintergrund der NS-Belastung des Namensgebers an der Haltestellen-bezeichnung festhalten will. Heute erhielt der Verein von dem Nahverkehrsunternehmen die Mitteilung, das die Haltestelle „Kraftwerk Knepper“ vor diesem Hintergund in Abstimmung mit dem Kreis Recklinghausen und der Stadt Castrop-Rauxel zum 1. Juli 2019 aufgehoben wird.

Die Haltestelle „Kraftwerk Knepper“ wird zum 1. Juli 2019 aufgehoben.


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Von der Dimension der Zwangsarbeit im lokalen Raum

Die Verortung von Lagern/Unterkünften auf 20 Luftbildern soll auch deutlich machen, wie dicht Zwangsarbeitende und „Volksgemeinschaft“ gelebt haben – nachgewiesen sind für Gelsenkirchen in der Summe mindestens 268 Standorte. Offen bleibt für viele Lagerstandorte, wie lange sie bestanden haben, wie hoch die Belegungsziffern waren und woher die dort untergebrachten Menschen kamen.

Niemand kann die Kolonnen der Zwangs- arbeitenden beispielsweise auf ihren Wegen zwischen den Lagern und Arbeitseinsatzstellen „übersehen“ bzw. „überhört“ haben. Wir wollen mit der Verortung ausgewählter Standorte auf den Fotos den vergessenen Zwangsarbeitenden gedenken, Lücken in der Lokalgeschichte Gelsenkirchens schließen und nicht zuletzt Anregungen zu weiteren Forschungen zum Thema Zwangsarbeit in der eigenen Familienhistorie geben. Mit den Informationen wird es noch schwerer, die altbekannte Ausrede aufrecht zu erhalten: „Wir haben doch nichts davon gewusst“. Weiterlesen: Unrechtsorte Zwangsarbeit


Abb.| 1: Gelsenkirchener Straße 7-11 (Heue Kurt-Schumacher-Straße), Egon Gladen AHAG (Automobilkaufmann) profitierte von Zwangsarbeit, 2: Polizeipräsidium Buer, 3: Rathaus Buer

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Ehemalige Hohoffstraße nach Emma Rahkob benennen

Die Bezirksvertretung Gelsenkirchen-Süd hat jüngst die Umbenennung der Hohoffstraße im Stadtteil Rotthausen angesichts der aktiven Unterstützung des Nationalsozialismus durch den bisherigen Namensgeber Hohoff beschlossen und bittet um Namensvorschläge.

Gelsenzentrum e.V. die in Rotthausen tiefverwurzelte Widerständlerin gegen den Nationalsozialismus Emma Rahkob vorgeschlagen. Der Vorschlag wurde von verschiedener Seite und auch von der Lokal politik aufgegriffen und findet breite Unter- stützung. Dazu die Ratsfraktion DIE LINKE in einer Pressemitteilung: “ „Aus unserer Sicht gibt es keinen geeigneteren Namen als Emma Rahkob, denn es gibt gleich drei gute Gründe, die für sie sprechen“, so Doris Stöcker, für DIE LINKE. in der Bezirksvertretung Süd. „Erstens ist der Frauenanteil an Straßennamen in Gelsenkirchen beschämend niedrig. Alleine schon deshalb bietet sich ein Frauenname an. Zweitens war Emma Rahkob Widerstandskämpferin gegen das Naziregime und ist auch alleine schon deshalb eine gute Alternative zum Nazi Heinrich Hohoff. Drittens waren Emma Rahkob und ihre Angehörigen tief in Rotthausen verwurzelt.“

Aus dem Kreis Rotthauser Aktivisten war hingegen zu erfahren, das man im Stadtteil Wolf von Reis (ehemaliges Vorstandsmitglied der früheren Flachglas AG (heute Pilkington), als Namensgeber für die Hohoffstraße favorisiert. Von Reis war u.a. NSDAP-Mitglied – bleibt also abzuwarten, wie die Bezirksvertretung Gelsenkirchen-Süd letztlich entscheidet.

Frauen ermordeter Gelsenkirchener Widerstandskämpfer 1948 (v.l.n.r.) Auguste Frost, Anna Bukowski, Emma Rahkob, Änne Littek, Luise Eichenauer (Foto: Privat)
Frauen ermordeter Gelsenkirchener Widerstandskämpfer 1948 (v.l.n.r.) Auguste Frost, Anna Bukowski, Emma Rahkob, Änne Littek, Luise Eichenauer (Foto: Privat)



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Kraftwerk Knepper ist Geschichte

Mit der Sprengung des stillgelegten Steinkohlekraftwerks „Gustav Knepper“ zwischen Dortmund und Castrop-Rauxel am Sonntag verschwand nicht nur eine markante Land-marke, sondern auch dessen Name. Doch wer war eigentlich dieser Gustav Knepper?

Hitlers Aufstieg und der seiner Partei wäre ohne die Unterstützung der Wirtschaft nicht möglich gewesen. Besonders an Rhein und Ruhr fand er schnell große Hilfe und finan-zielle Gönner. Dabei kam zusammen, dass sich das Interesse der Wirtschaft an der Besei-tigung der Hemmnisse an der Profitmaximierung mit Hitlers politischem und ökonomi-schem Programm traf. In der Autark-und Rüstungspolitik sahen viele Industrielle früh-zeitig beste Entfaltungs-und Profitmöglichkeiten. Auch der Vorstandsvorsitzende der Gelsenkirchener Bergwerks AG und spätere Wehrwirtschaftsführer Gustav Knepper zählte bereits vor 1933 zu den Anhängern der Nationalsozialisten.

Nach der Gründung der Vereinigten Stahlwerke AG 1926 war Gustav Knepper, Jahrgang 1870, zunächst Leiter des Bergbaubereichs mit 41 Förderanlagen und rund 80.000 Beschäftigten. Ab dem 1. Januar 1934, nach Dezentralisierung der Vereinigten Stahlwerke AG, war Knepper bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand 1942 Vorstandsvorsitzender der Gelsenkirchener Bergwerks-AG; sein Nachfolger wurde Otto Springorum. Zudem war Knepper stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Vereinigten Stahlweke und der Gelsenkirchener Stahlwerke AG sowie Mitglied in den Aufsichtsräten mehrerer Montangesellschaften, darunter die Dortmunder Hoesch AG. Auch in unterschiedlichen Gemeinschaftsorganen des Ruhrbergbaus arbeitete er mit und übte eine führende Tätigkeit in der Wasserwirtschaft des Ruhrgebiets aus.

Nach dem Zweiten Weltkrieg internierten die Briten den 75-jährigen Dr.-Ing. e.h. Gustav Knepper am 5. September 1945. Zunächst brachten sie ihn nach Recklinghausen, dann nach Staumühle bei Paderborn und am 7. Dezember 1945 lieferten sie ihn in das Zucht-haus Nenndorf bei Hannover ein. Anfang August 1946 wurde er entlassen und kehrte nach Essen zurück. Knepper starb am 19. Oktober 1951. Nach ihm sind noch heute noch die Knepperstraße in Bochum-Ehrenfeld und der Gustav-Knepper-Weg in Witten benannt. Auch eine Haltestelle der Linie 361 der Straßenbahn Herne- Castrop-Rauxel Gmbh (HCR) ist noch nach dem Kraftwerk Knepper benannt. Mit der Sprengung wurde das Fortwirken des ehemaligen Wehrwirtschaftsführers Gustav Knepper als Namengeber für das Kraft-werk beendet. Bleibt zu hoffen, das der Name „Gustav Knepper“ am ehemaligen Standort im Rahmen der zukünftigen Nutzung der Fläche nicht wieder auftaucht.

Gustav Knepper wurde am 26. Juni 1944 das „Ritterkreuz des Kriegsverdienstordens mit Schwertern“ verliehen. Die Verleihung dieses Ordens behielt sich Adolf Hitler persönlich vor.
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Wo bleibt der Rosa-Böhmer-Platz?

Das Romanes-Wort Porajmos (deutsch: „das Verschlingen“) bezeichnet den Völkermord an den europäischen Roma in der Zeit des Nationalsozialismus. Der Völkermord an Sinti und Roma wurde von den Nationalsozialisten „aus dem gleichen Motiv des Rassenwahns, mit dem gleichen Vorsatz und dem gleichen Willen zur planmäßigen und endgültigen Vernichtung“ durchgeführt wie der an Juden. Der Völkermord an Sinti und Roma wurde jahrzehntelang aus dem historischen Gedächtnis und der öffentlichen Erinnerung verdrängt. Dass sich die Erinnerung an den Porajmos heute grundlegend geändert hat, ist vor allem auf die Bürgerrechtsbewegung der deutschen Sinti und Roma zurückzuführen. Es ist mehr als bedauerlich, dass in Gelsenkirchen bis heute kein dauerhaftes, öffentliches Zeichen des Gedenkens realisiert wurde. Entsprechend Anläufe seit Mitte der 1990er Jahre (u.a. auch vom Landesverband Deutscher Sinti und Roma NRW) wurden von Politik und Stadtverwaltung wiederholt mit unterschiedlichsten Begründungen abgelehnt.

Dauerhaftes Erinnerungszeichen gefordert

Die Lokalpolitik hat schon vor geraumer Zeit vor dem Hintergrund unserer Anregung das Institut für Stadtgeschichte mit der Suche nach einem geeigneten Platz beauftragt. Laut Prof. Dr. Stefan Goch, ehemaliger Leiter des ISG, scheint dieser Platz gefunden, so soll im Zuge der noch nicht abgeschlossenen Neu- bzw. Umgestaltung der Ebertstraße und den damit verbundenen innerstädtischen Plätzen – die bereits an NS-Verfolgte erinnern – vor dem ehemaligen Versorgungsamt an der Vattmannstraße ein Rosa-Böhmer-Platz geschaffen werden. „Das Verfolgungsschicksal des Sinti-Mädchens Rosa Böhmer“ soll, wie schon lange von uns gefordert, stellvertretend an die aus Gelsenkirchen verschleppten und in Auschwitz-Birkenau ermordeten Sinti und Roma erinnern – Mitten im Herzen der Stadt.“ sagt Andreas Jordan, Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins Gelsenzentrum, „Bleibt zu hoffen, das unsere jahrelangen Bemühungen zur Schaffung eines Gedenkortes für die Gelsenkirchener Sinti und Roma tatsächlich schon bald zielführend waren.“


Der Appolonia-Pfaus-Park erinnert in Bochum an die in Auschwitz-Birkenau ermordete Sintezza Appolonia Pfaus, stellvertretend für die ermordeten Bochumer Sinti und Roma. In Gelsenkirchen soll mit dem Rosa-Böhmer-Platz im Herzen der Innenstadt an vetriebene und in der überwiegenden Mehrzahl in Auschwitz-Birkenau ermordete Sinti und Roma dauerhaft erinnert werden. (Foto: Jürgen Wenke)
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