Zwangsarbeit in der NS-Zeit: Die Schatten der Geschichte

Sammelgrab in Schalke-Nord

Bei Recherchen zu Opfern der Zwangsarbeit 1940-1945 in Gelsenkirchen stieß Lokalhistoriker Andreas Jordan (Gelsenzentrum, Stolpersteine Gelsenkirchen) im Online-Archiv des Internationalen Suchdienstes (ITS) auf einen Lageplan aus der direkten Nachkriegszeit. Darin verzeichnet: ein Sammelgrab für „56 Ita- liener“ im Bereich der Hubertusstraße in Schalke-Nord.

Welches Ereignis dem Tod der in dem Sammelgrab verscharrten Toten vorausgegangen ist, direkte Kriegs-einwirkung, ein Unglück oder ein Gewaltereignis, liegt derzeit noch im Dunkeln. Ebenso ist bisher nicht bekannt, ob es nach dem Krieg Umbettungen gegeben hat. Sollte das der Fall sein, stellt sich die Frage: Wo haben diese Toten ihre letzte Ruhestätte gefunden? „Wir stehen mit unseren Recherchen zu diesem Sam-melgrab am Anfang, entsprechende Anfragen an die Stadt haben wir gestellt, warten nun auf Antworten“ sagt Jordan, und weiter „Sollte sich der Verdacht bestätigen, das sich an dieser Stelle ein „vergessenes“ Sammelgrab befindet, muß alles getan werden, um die sterblichen Überreste der Menschen würdig zu behandeln und möglichst den Toten ihre Namen wiederzugeben.“

In der Nähe des Sammelgrabes waren während des zweiten Weltkrieges hunderte Zwangsarbeiter verschie-dener Nationalitäten, darunter auch italienische Kriegsgefangene, in Lagern interniert. Eines der Zwangsar-beiterlager (Mannesmann Röhrenwerke, Abt. Grillo-Funke) befand sich an der Hubertusstrasse. Auch in der damaligen Schule an der Caubstrasse 25 waren 164 Italiener „untergebracht“ (Dortmunder Union Brücken-bau), das Werk Orange unterhielt ein Barackenlager am Stadthafen 81, dort waren 68 kriegsgefangene Italiener „untergebracht“. Ob die 56 Toten mit diesen oder anderen Zwangsarbeiterlagern Gelsenkirchens in Verbindug stehen, muss jetzt geklärt werden.

Die so genannten „Italienischen Militärinternierten“ (IMI) wurden durch eine erbarmungslose Ausbeutung ihrer Arbeitskraft, Nahrungsmittelentzug und fehlende medizinische Betreuung teilweise sogar schlechter behandelt als die sowjetischen Kriegsgefangenen. Die Lebensbedingungen in den Barackenlagern waren unmenschlich: Hunger, Zwangsarbeit, Krankheiten und Bombenangriffe kosteten Zehntausenden das Leben.

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Gelsenkirchen: Gedenkstätte mit Skulptur ergänzt

Neue Skulptur auf Horster Südfriedhof erinnert an weibliche KZ-Häftlinge

Am 11. September 1944 starben durch einen Bombenangriff auf die Gelsenberg Benzin AG mehr als 140 jüdische KZ-Häftlinge. Die Frauen und Mädchen waren im Sommer 1944 in Auschwitz zur Ableistung von Zwangsarbeit bei der Gelsenberg Benzin AG selektiert und nach Gelsenkirchen verschleppt worden. Mit einer kleinen Gedenkfeier auf dem Horster Südfriedhof wurden am Sonntag (16.9.) vor dem bereits vorhandenen Mahnmal eine neue Skulptur und Tafeln mit dem historischen Kontext sowie den bisher bekannten Namen der Frauen, die bei dem Bombenangriff auf die Gelsenberg Benzin AG am 11.September 1944 ums Leben kamen – nicht zuletzt weil ihnen als Jüdinnen der Zutritt zu Bunkern und Schutzräumen verboten war – der Öffentlichkeit übergeben. Steinmetzschüler des Hans-Schwier-Berufskollegs haben die neue Skulptur aus Bamberger Sandstein geschaffen. Die grobbehauene Skulptur soll eine Frau erkennbar werden lassen, die mit einem Trümmerstück in den Händen auf einem Steinsockel kniet, ohne individuelle Gesichtszüge zu zeigen – als Symbol für alle jüdischen Zwangsarbeiterinnen. Im Boden wird die Skulptur von einem Davidstern aus Naturstein eingefasst.

Augestellt auf dem Rasenstreifen vor dem bereits vorhandenen Gedenkstein erinnert die neue Skulptur an NS-Unrecht

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Abschied vom Bergbau: Am Schwarzen Gold klebt auch Blut

Glück Auf, der ‚Schweiger‘ kommt

Die letzte Zeche im Ruhrgebiet schließt 2018, so wird vielen Medien derzeit von der Geschichte des Stein-kohlebergbaus im Ruhrgebiet erzählt. Eines haben die Publikationen und Berichte gemeinsam, ein für manche unangenehmes, aber bedeutsames Kapitel wird zumeist verschwiegen: die Zwangsarbeit im Ruhrbergbau in den Jahren 1940-1945.

Im Jahr 1944 haben in der Spitze allein rund 120.000 sowjetische Kriegsgefangene und so genannte „Ostar-beiter“ im Ruhrbergbau teils unter schlimmsten Bedingungen für das Nazi-Regime schuften müssen. Das blieb bis Kriegsende nahezu unverändert. Ohne das Heer der Zwangsarbeitenden wäre der Steinkohle-Bergbau an der Ruhr zwischen 1940-1945 wohl fast zum Erliegen gekommen.

Die Arbeits- und Lebensbedingungen der im Bergbau eingesetzten „Arbeitssklaven“ waren von Beginn an besonders schlecht. Die ideologische Verachtung der Faschisten gegenüber den in ihren Augen „slawischen Untermenschen“ zeigte sich auch in einer völlig unzureichenden Verpflegung, Unterbringung und oftmals fehlender medizinischen Versorgung der zwangsrekrutierten Menschen.

Diese barbarische Vorgehensweise brachte naturgemäß auch eine hohe Sterblichkeitsrate unter den Zwangsarbeitern mit sich, ein großer Teil der Menschen kam in den Unterkünften, Lagern und Schächten ums Leben. Wachmannschaften und Gestapo taten Ihr übriges, willkürliche Erschießungen sind überliefert. Auch Berichte über Misshandlungen mit Todesfolge an den sowjetischen Arbeitskräften finden sich im Ruhrbergbau für die Zeit zwischen 1940-1945 häufig. Vielfach nutzten deutsche Belegschaftsmitglieder ihre große Machtfülle zu willkürlichem Prügeln der Zwangsarbeitenden aus. Darüber hinaus gab es vielfältige Formen von Schikanierungen und Diskriminierungen im Zechenbetrieb, von denen das Nackt-Anfahren-Lassen der „Russen“ bei Minusgraden eine besonders erniedrigende Form darstellte.

Allein für den ehemaligen Zechenstandort Gelsenkirchen lassen sich mindestens 3.500 Tote Zwangsarbei-tende und Kriegsgefangene im Steinkohlebergbau, in den Unterkünften und Lagern für die Zwangsarbeiter an den jeweiligen Schachtstandorten feststellen. Die wenigsten dieser entrechtenden Menschen haben dabei durch alliierte Bombenangriffe – denen sie schutzlos ausgesetzt waren – ihr Leben verloren, sondern durch Hunger, Gewalt, Krankheit und Entkräftung.

Auch das dunkle Kapitel der Zwangsarbeit gehört zur Geschichte des Bergbaus im Ruhrgebiet und hätte grade im Jahr des Abschieds vom Bergbau einen angemessenen Platz in den Veranstaltungen und Publikationen verdient. Selbstvergessenes Schweigen ist gänzlich fehl am Platz. (AJ)

Personalkarte des sowjetischen Kriegsgefangenen Nicholai Panfilow, geb. am 18.08.1920, Kursk, Erkennungsmarke 2012. E r musste im Arbeitskommando der Zeche Nordstern in Gelsenkirchen-Horst Zwangsarbeit leisten, bei einem Bombenangriff am 23.11.1944 kam Panfilowzu Tode.
Er wurden am 25. 11.1944 auf dem Horster Südfried bestattet.Grablage Nicholai Panfilow: Feld
3, Reihe 11, Grab 689. (Quelle Personalkarte: OBD Memorial)

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Endphasenverbrechen: Nur wenige Tage fehlten zur Freiheit

Stolperschwelle soll in Buer an Zwangsarbeiter erinnern

Auch in Gelsenkirchen gab es in den letzten Wochen und Monaten vor Kriegsende zahlreiche Endphasen-verbrechen, die sich vornehmlich gegen Zwangsarbeitende richteten. An Endphasenverbrechen waren alle NS-Täterformationen beteiligt: NSDAP-Funktionäre, Wehrmacht, Volkssturm, SS, Hitlerjugend und auch Zivilisten. Geheime Staatspolizei und Kriminalpolizei traten dabei jedoch mit besonderer Brutalität und Vernichtungswillen in Erscheinung. Noch am 28. März 1945, zwei Tage bevor US-Soldaten im Norden das Stadtgebiet Gelsenkirchens erreichten, erschossen Beamte der Gestapo Buer elf Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter im Westerholter Wald.

Neben KZ-Gefangenen bildeten ausländische Zwangsarbeitende eine weitere große Gruppe, gegen die sich die Gewalt der letzten Kriegsmonate ungebremst entludt. Sie galten als besonders gefährlich, als „Feind im Innern“. Schon allein ihre große Zahl schürt bei den Deutschen Sorge, dass sie beim Heranrücken der alliierten Truppen nicht mehr zu kontrollieren sein werden: Millionen „ausländische Arbeitskräfte“, so die damalige NS-Bezeichnung, mussten auf dem Gebiet des „Deutschen Reichs“ u.a. für die Kriegswirtschaft schuften. Alle ausländischen Arbeitskräfte wurden durch einen rassistisch-bürokratischen Repressions- und Kontrollapparat aus Wehrmacht, Arbeitsamt, Werkschutz, Polizei und SS streng überwacht. Kleinste „Ver-gehen“ von Zwangsarbeitern hatten zumeist den Tod zur Folge.

Ausländische Zwangsarbeiter wurden grade in der Endphase des Krieges als Bedrohung angesehen, ins-besondere von den Polizeibehörden. „Das Prinzip der Gefahrenabwehr durch Abschreckung mittels einer Verschärfung und Brutalisierung der Maßnahmen wurde in der Kriegsendphase zum handlungsleitenden Standard der Polizeiarbeit gegenüber den Ausländern.“ Es kommt zu zahlreichen Gewaltexzessen an KZ-Gefangenen und Zwangsarbeitern, aber auch an den eigenen „Volksgenossen“, an deutschen Soldaten und Zivilisten, die nicht mehr an den propagierten „Endsieg“ glauben wollen.

Die Verbrechen „an Gefängnisinsassen und ausländischen Zwangsarbeitern durch die Gestapo replizierten die Mordmethoden der Einsatzgruppen und Polizeibataillone im Osten – nunmehr allerdings im Reich selbst“. Sie spielt sich nicht mehr fernab des täglichen Lebens der meisten Deutschen ab – nicht an weit entfernten Frontlinien oder hinter den Zäunen und Mauern der Konzentrations- und Vernichtungslager -, sondern mitten im Kerngebiet des Deutschen Reiches, vor der „Haustür der Gesellschaft“.

In diesem Kontext steht die geplante Verlegung einer Stolperschwelle vor dem Polizeipräsidium Gelsen-kirchen-Buer. Dort befand sich neben dem Dienstsitz von Gestapo (Außenstelle Buer) und der Kriminal-polizei auch das Polizeigefängnis Buer, von dort begann für zahlreiche Menschen der Weg in den Tod. Die Stolperschwelle wird symbolhaft im Gedenken an mehr als 40.000 Männer, Frauen und Kinder aus West- und Osteuropa verlegt, die in Gelsenkirchen zwischen 1940 und 1945 als Zivilisten oder Kriegsgefangene zur Ableistung von Zwangsarbeit in der Deutschen Kriegswirtschaft und Rüstungsproduktion ausgenutzt und als billige Arbeitskräfte ausgebeutet worden sind. Mehr als 3.500 Zwangsarbeitende starben in Gelsenkirchen zwischen 1940-1945 durch „Arbeitsunfälle“, Mißhandlungen, gezielte Tötungen, hinzu kamen Sterbefälle durch Mangelernährung und unzureichende medizinische Versorgung.

Das 1927 eingeweihte Polizeiamt in Gelsenkirchen-Buer, einer der vielen Unrechtsorte während der Zeit der faschistischen Gewaltherrschaft 1933-1945. In dem Gebäude befand sich auch das Polizeigefängnis mit acht Einzel- und zwei Sammelzellen. Von dort begann für viele Menschen der Weg in den Tod.

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Gelsenkirchen: Denkanstöße für den Alltag

Weitere Stolpersteine werden im Mai verlegt

Mit Gunter Demnigs Stolpersteinen, die am letzten frei gewählten Wohnort von Opfern der Nazidiktatur verlegt werden – und das sind bei weitem nicht nur jüdische Mitbürger, sondern auch Sinti und Roma, politisch Andersdenkende, Homosexuelle, kritische Christen, Zeugen Jeho- vas und Personen mit psychischen oder physi- schen Erkrankungen – gedenken wir dauerhaft Menschen, die früher hier gelebt haben und wegen ihren Auffassungen, ihren Neigungen, Veranlagungen und Erkrankungen verfolgt, gequält und getötet wurden. Einbezogen werden dabei auch Menschen, denen die Flucht gelang und jene, die als letzte autonome Handlung ihrem Leben selbst ein Ende setzten. Die kleinen Denkmale sollen nicht zuletzt auch darauf aufmerksam machen, wozu Rassenhass, Fremdenfeindlichkeit und Dehumanisierung letztendlich führen können. Zur Teilnahme an den Verlegungen am 23. Mai 2018 sind alle Mitbürgerinnen und Mitbürger herzlich eingeladen. An 4 Orten in Gelsenkirchen wird Gunter Demnig 12 weitere Stolpersteine in das Pflaster Gelsenkirchener Gehwege einsetzen. Orte und Zeiten hier.

Stolpersteine für Familie Spiegel, verlegt am 8. Oktober 2012 vor dem Haus Kirchstrasse 65 in Gelsenkirchen.

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Virtuelle Gedenktafel erinnert an Sinti und Roma

Vor 75 Jahren: Deportation Gelsenkirchener Sinti und Roma nach Auschwitz

Porajmos, so wird der Völkermord der Nazis an Sinti und Roma genannt. Am 9. März jährt sich zum 75. Mal die Deportation der Gelsenkirchener Sinti und Roma 1943 in das Konzentrations- und Vernichtunglager Auschwitz. 83 Verfolgte jeden Alters wurden von Gelsenkirchen nach Auschwitz verschleppt. Nur drei von ihnen erlebten ihre Befreiung. Ein öffentliches Erinnerungszeichen für deportierte und ermordete Sinti sucht man in Gelsenkirchen vergeblich. Anlässlich des 75. Jahrestages der Verschleppung Gelsenkirchener Sinti nach Auschwitz haben wir eine virtuelle Gedenktafel online gestellt. Nichts und niemand ist vergessen.

Vgl. dazu Stefan Goch, „Mit einer Rückkehr nach hier ist nicht mehr zu rechnen“, Verfolgung der Sinti und Roma während des „Dritten Reiches“ im Raum Gelsenkirchen, Klartext 1999: „Die Verfolgung und Ermor-dung der Sinti und Roma wurde bürokratisch korrekt überwiegend vom Verwaltungsapparat der Stadt Gelsenkirchen und einigen weiteren Verwaltungs- und Verfolgungsbehörden des „Dritten Reiches“ abgewickelt. (…) Im Gesamtprozeß kann festgestellt werden, daß die Gelsenkirchener Akteure keineswegs nur übergreifende Regelungen anwendeten und gewissermaßen „von oben“ geführt und angewiesen handelten, sondern ein beträchtliches Maß an Eigeninitiative bei der Verfolgung von Sinti und Roma entwickelten. An der Verfolgung und Ermordung von Menschen hatten zahlreiche „ganz normale“ Gelsenkirchener teil. Wie deren schriftliche Hinterlassenschaften widerspiegeln, wußten diese, was sie taten, und sie hatten keinerlei nachweisbare Gewissensbisse. Keiner der an der Verfolgung und Ermordung der Sinti und Roma im Raum Gelsenkirchen Beteiligten wurde für die Beteiligung an der Verfolgung der Sinti und Roma in Gelsenkirchen zur Rechenschaft gezogen. Diejenigen, die sich über einen Zeitraum von mehreren Jahren hinweg mit der „Bekämpfung der Zigeunerplage“ in Gelsenkirchen mit den hier dargestellten Ergebnissen befaßten, kamen aus der Mitte der lokalen Gesellschaft Gelsenkirchens und Deutschlands und spiegelten in ihrem Verhalten, ihren Denk- und Verhaltensweisen die lokale und die deutsche Gesellschaft wider. (…)“ Mehr erfahren

Das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas in Berlin

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Gedenken: Stolpersteinverlegungen 2017 in Gelsenkirchen

Diese Steine haben etwas zu erzählen

Mit der Verlegung der Stolpersteine wird die Erinnerung an das Leben und Leiden verfolgter Menschen im so genannten „Dritten Reich“ lebendig. Namen kehren damit zurück in den heutigen Alltag. Und zwar genau dort, wo die verfolgten Menschen vor ihrer Verhaftung, Flucht, Verschleppung oder Ermordung ihre Lebens-mittelpunkte hatten, inmitten der Stadtgesellschaft – vor den Türen ihrer Häuser. In die Messingoberfläche der Stolpersteine werden von Hand Inschriften eingeprägt, die meist mit den Worten „Hier wohnte“ begin-nen, darunter Name, Geburtsjahrgang, Eckdaten der Verfolgung und der Todesort. Derart unauslöschlich gemacht, erinnert die Inschrift dauerhaft an Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft, Religion, sexuellen Orientierung oder politischen Gesinnung von den Nazis verfolgt bzw. zumeist ermordet worden sind. Im Gedenken sollen Familien wieder symbolisch „zusammengeführt“ werden, so werden auch Familienmitglie-der einbezogen, die überleben konnten. An diesem Tag wird Gunter Demnig 25 Stolpersteine an sieben Orten im Gelsenkirchener Stadtgebiet einsetzen. Interessierte sind herzlich zur Teilnahme an den Stolper-stein-Verlegungen eingeladen.

Orte/Ablauf (+/- 15 Min.): Familie Josef Günsberg 9:00 Uhr, Poststraße 20, 45899 GE-Horst | Familie Siegfried Block 9:30 Uhr, Schalker Straße 75, 45881 GE-Schalke | Elisabeth Makowiak 10:15 Uhr, Florastraße 76, 45879 GE-Altstadt | Familie David Nussbaum 10:45 Uhr, Hildegardstraße 21, 45888 GE-Bulmke-Hüllen | Fritz Gompertz 11:30 Uhr, Grillo-Gymnasium, Hauptstraße 60, 45879 GE-Altstadt | Familie Siegfried Cohn 12:00 Uhr, Wittekindstraße 21, 45879 GE-Altstadt | Familie Leo Gompertz 12.45 Uhr, Bahnhofstraße 22, 45879 GE-Altstadt. Info: 0209-9994676

Stolpersteine in Gelsenkirchen erinnern an Familie Krämer, Von-Der-Recke-Straße 10, 45879 GE-Altstadt. (Foto: Gelsenzentrum e. V. / Andreas Jordan)

Erinnerungszeichen auch auf der Einkaufsmeile

Erste Stolpersteine werden diesmal auf der Bahnhofstraße verlegt. Die beliebte Einkaufsmeile im Herzen der Gelsenkirchener Innenstadt wurde in den 1930er Jahren im Volksmund ‚Jerusalemer Straße‘ genannt, weil sich dort auch viele Geschäfte jüdischer Inhaber befanden. An der Bahnhofstraße 22, Ecke Klosterstraße war das alteingessene und bekannte Pelzhaus Gompertz beheimatet. Im Rahmen der staatlich legitimierten Enteignung, der so genannten „Arisierung“, ging das Haus der Familie Gompertz 1940 an den Kaufmann Wilhelm Rüter, er wurde neuer „Eigentümer“. Dort werden fünf Stolpersteine in Erinnerung an die im so genannten „Dritten Reich“ vetriebene jüdische Familie Gompertz verlegt, die noch rechtzeitig aus Nazi-Deutschland fliehen konnte. Mehr erfahren: Familie Leo Gompertz

Betty (geb.Isacson) und Leo Gompertz mit Albert, Rolf und Fritz (später Fred) in Gelsenkirchen, 1930.

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Novemberpogrome: Die Nacht als die Synagoge brannte

Feuerwehr durfte nicht löschen

Einige Tage nach der Ausweisung seiner Eltern im Rahmen der „Polen-Aktion“ erschoß der 17jährige Herschel Feibel Grynszpan aus Verzweiflung darüber am 7. November 1938 einen Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Paris. Das Attentat nahmen die Nationalsozialisten bekanntermaßen zum Anlaß, um die Pogrome vom 7. bis 13. November 1938 gegen die jüdische Bevölkerung in Deutschland zu initiieren.

Erste gegen die jüdische Minderheit gerichtete Ausschreitungen im Zuge der so genannten „November-pogrome“ gab es bereits am Abend des 7. November 1938 mit Bekanntwerden des Attentats. In Kassel konnte an diesem Abend letztlich nur durch das beherzte Vorgehen eines Feuerwehrmannes das vollständige Abbrennen der Synagoge verhindert werden. Bereits am 8. November wurde die Synagoge in Bad Hersfeld – als eine der ersten in Nazi-Deutschland – in Brand gesetzt. Am gleichen Abend brannte auch die Synagoge in der Gelsenkirchener Altstadt. 1949 fand ein Strafprozeß vor dem Essener Schwurgericht gegen den mut-maßlichen Brandstifter Werner Karl Montel statt. In der Strafprozeßakte wird in den Zeugenaussagen durchweg von einer Inbrandsetzung der Gelsenkirchener Synagoge am Abend des 8. November 1938 gesprochen, ebenso im Urteil. Auch in so genannten „Wiedergutmachungsakten“ aus der zweiten Hälfte der 1940er Jahre findet sich dieses Datum als Zeitpunkt der Inbrandsetzung der Gelsenkirchener Synagoge in der Altstadt.

Das Jüdische Hilfskomite Gelsenkirchen bittet um Einleitung eines Verfahrens wegen der in der Nacht vom 8. zum 9. November 1938 erfolgten Niederbrennung der Synagoge in Gelsenkirchen, Neustraße.

Der Höhepunkt der reichsweiten Ausschreitungen fand in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 statt, im kollektiven Gedächnis auch „Reichskristallnacht“ oder „Reichspogromnacht“ genannt. In diese Nacht wurden Synagogen, Bet- und Versammlungsräume in ganzen Reichsgebiet in Brand gesetzt und Geschäfte jüdischer Eigentümer verwüstet. Die Zerstörungen wurden am 10. November teilweise noch fortgesetzt, so erschien in Gelsenkirchen Lehrer Honroth mit einer Gruppe von Oberschülern an der Bahnhofstraße Ecke Klosterstraße und vollendete mit den Schülern das Zerstörungswerk der vergangenen Nacht am Pelzgeschäft der Familie Gompertz.

Synagogenbrand: „Das Ding wollte nicht mal brennen!“

Schreinermeister Johann Blume aus Rotthausen bei seiner Vernehmung im Ermittlungsverfahren gegen den mutmaßlichen Brandstifter der Gelsenkirchener Synagoge in der Altstadt, Werner Montel: „SS-Untersturm-führer Anton Thurau hat kurz nach dem Synagogenbrand im angeheiterten Zustand mir gegenüber gesagt: „Das Ding wollte nicht mal brennen!“

Brandstiftung: Angeklagter mangels Beweisen freigesprochen

Am 3. Oktober 1946 bat das Jüdische Hilfskomitee den Oberstaatsanwalt des Landgerichtes Essen wegen der im November 1938 erfolgten Niederbrennung der Synagoge in Gelsenkirchen ein Verfahren gegen Unbekannt einzuleiten. Aufgrund vielfältiger Hinweise wurde der bereits zweimalig vorbestrafte Gelsen-kirchener Kaufmann Werner Karl Montel der Brandstiftung angeklagt. In der Anklageschrift hieß es: Montel wird beschuldigt „zu Gelsenkirchen in der Nacht zum 9. November 1938 durch eine und dieselbe Handlung gemeinschaftlich mit nicht ermittelten Mittätern
a.) vorsätzlich ein zu gottesdienstlichen Versammlungen bestimmtes Gebäude in Brand gesetzt,
b.) ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit durch Verfolgung aus rassischen Gründen begangen zu haben.“

Haftbefehl gegen Gelsenkirchener Kaufmann Werner Karl Montel.

Aus dem Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Essen ergibt sich der mutmaßliche Tathergang: „Am Abend des 8. November 1938 erhielten durch die Gestapo die Formationen der SA, SS und NSKK den Befehl zu den bekannten, gegen Juden gerichteten Ausschreitungen, die mit der Anzündung der Synagoge begannen. Es geschah dieses etwa gegen 10 u. 10.30 Uhr abends. (22.00 – 22.30) Die noch verfügbaren Mitglieder dieser Verbände marschierten zur Synagoge, bewaffnet mit Beilen und sonstigen Utensilien.

Der SA-Führer (Sturmbannführer) Heinrich Orzechowski (spätere Namensänderung in Nußdörfer) zertrümmert mit einem Beil die Tür der Synagoge. Zeitgleich erschien ein Kraftwagen, der in der Nähe des Restaurants Herberg (Cafe Roland) hielt, gab einen Benzinbehälter heraus, der Wagen wurde gesteuert von dem SA-Oberscharführer Jedaschko, aus Gelsenkirchen-Rotthausen, Schonebeckerstraße, neben ihm befand sich ein SS-Mann, der Benzinbehälter wurde ebenfalls einigen SS-Leuten übergeben. Orzechowski soll Altardecken aus der Synagoge geholt und diese mit Benzin übergossen und auf der Straße angezündet haben. Dann fuhr noch ein weiterer Wagen vor, der Holzwolle ablud. Die Holzwolle wurde unter die Bänke der Synagoge verteilt und der genannte Brennstoff darüber gegossen. Kurze Zeit darauf stand das Gotteshaus in Flammen. Die Verbände sammelten sich dann vor der Synagoge und sangen antisemitische Lieder, bis gegen Morgen die weiteren Aktionen gegen die Geschäfte und Wohnungen folgten.“

Der am 10. April 1913 in Bochum geborene Montel war seit Februar 1931 Mitglied des NS-Schülerbundes; nach der Auflösung des Schülerbundes im September 1932 ist er keiner anderen Organisation beigetreten. Vom 24- August 1933 bis 1934 war der Beschuldigte Parteianwärter, von 1934 bis April 1942 Parteimitglied der NSDAP. Seine Einstellung jüdischen Staatsangehörigen gegenüber führte Montel wie folgt aus: „Mein reger Verkehr mit Halbariern war stadtbekannt. Bei den Judenaktionen am 8. u. 9. Nov. 1938 konnte ich verhindern, dass es bei den in unserem Hause wohnhaften Juden ohne die geringsten Ausschreitungen blieb. Ich nehme an, dass dieses der einzige Fall in Gelsenkirchen blieb.“ Nach eigener Aussage war Montel „selbst (…) an dem fraglichen Abend und den skizzierten Aktionen aktiv nicht beteiligt, ja nicht einmal als Zuschauer, so dass ich also praktisch am Tatort keineswegs gesehen worden sein kann.“

Aussage des Oberbrandmeisters Anton Czimnik vom 25. Januar 1947 im Ermittlungsverfahren gegen den mutmaßlichen Synagogen-Brandstifter Werner Karl Montel in Gelsenkirchen.

Einem (vorläufigen) Schlussbericht der Kriminalpolizei Gelsenkirchen vom 24. Februar 1947 ist zu entneh-men: „Die angestellten Ermittlungen nach den Tätern des Synagogenbrandes sind bisher ergebnislos verlaufen. Sämtliche dazu vernommenen Personen können keine Angaben über die mutmaßlichen Täter machen. Wie aus den Vernehmungen zu ersehen ist, sind die Täter in den Kreisen der SS und SA zu suchen.“ Das im Januar 1949 ergangene Urteil sprach Montel auf Kosten der Staatskasse frei, da die Beweisauf-nahme „trotz des starken Verdachts keine hinreichenden Nachweise für die Beteiligung des Angeklagten“ ergeben hatte. Dieser Prozeß war der einzige Versuch, den Synagogenbrand in der Gelsenkirchener Altstadt strafrechtlich aufzuarbeiten und den bzw. die Täter zu bestrafen.

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Gelsenkirchen: Spranger als Vorbild für Jugend ungeeignet

Diskussion um Spranger als Schulnamensgeber

Am vergangenen Donnerstag wurde der Bildungsausschuss auf Antrag der Ratsfraktion Bündnis 90/Die GRÜNEN über den Sachstand hinsichtlich der (aus der Bürgerschaft angeregten) Umbenennung des Eduard-Spranger-Berufskollegs informiert. In seiner Stellungnahme beleuchtete Stefan Goch (Institut für Stadtgeschichte) das Leben und Wirken Eduard Sprangers in einer kurzen Darstellung aus wissenschaft-licher Sicht. Schulleiter Abstiens schilderte dem Bildungsausschuss den Sachstand aus Sicht des Berufs-kollegs, manche seiner Ausführungen waren allerdings kritikwürdig. Insgesamt wurde deutlich, das weiterer Diskussions- und Beratungsbedarf auf Seiten der Beteiligten besteht, dafür muss man sich die Zeit nehmen. Auch der Schulfamilie bietet sich so Gelegenheit, sich intensiver mit dem Leben und Wirken des jetzigen Schulnamensgebers zu beschäftigen.

„17%-Stadt“ Gelsenkirchen

Formal kann die Schule eigenständig über die Namensgebung entscheiden, möglich wäre jedoch auch eine Namensgebung von Seiten des Schulträgers – der Stadt Gelsenkirchen. Es wäre mehr als wünschenswert, das der weitere Diskussionsprozess für alle zivilgesellschaftlichen Akteure offen und transparent geführt wird, gerade in Zeiten erstarkender rechtsradikaler Parteien wie der AfD ist das sehr wichtig. In der „17%-Stadt“ Gelsenkirchen muss – auch aus erinnerungspolitischer Sicht – noch so manches dicke Brett gebohrt werden.

Schulnamensgeber Eduard Spranger: Antisemit und Deutschnational bis ins Mark

Die schnelle Machtentfaltung des NS-Regimes wäre ohne die bedingslose Pflichterfüllung deutschnationalen Kollaborateure wie Eduard Spranger nicht möglich gewesen. Weder die Eisenbahnzüge nach Auschwitz-Birkenau noch die Aussonderung Behinderter durch Ärzte zur Vergasung in Hadamar und anderswo, noch der Vormarsch der Wehrmacht mit den mörderischen Einsatzgruppen im Gefolge – all das hätte nicht funktioniert ohne jene Deutschnationalen, die sich nach 1945 hektisch bemühten, einen Beleg dafür vorzuweisen, daß sie doch in diesem oder jenen Konflikt mit dem fanatischen Regime gestanden hätten.

Siehe auch hier: Sollten Schulen nicht nach Vorbildern genannt werden? (I), Sollten Schulen nicht nach Vorbildern genannt werden? (II) und hier: Gelsenkirchen: Eduard Spranger als Namensgeber ungeeignet

Screenshot der Internetseite des Eduard-Spranger-Berufskollegs Gelsenkirchen: über Namensgaber Eduard Spranger selbst sind dort bisher keine Informationen zu finden, in der Mitte der 1960er Jahre trug die Schule die Bezeichnung „EinzelhandesBerufsschule“.

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Das zweite Trauma – das ungesühnte Massaker von Sant’Anna di Stazzema

Filmvorführung im Gelsenkirchener Kulturraum „flora“

Den Dokumentarfilm „Das zweite Trauma – das ungesühnte Massaker von Sant’Anna di Stazzema“ zeigt der Gemeinnützige Verein Gelsenzentrum e.V. in Kooperation mit der VVN-BdA Gelsenkirchen am Dienstag, 17. Oktober 2017 um 19.30 Uhr im Kulturraum „die flora“, 45879 Gelsenkirchen, Florastr. 26. (Einlass ab 19.00 Uhr) Jürgen Weber, Autor des Films, wird zur Diskussion anwesend sein. Der Eintritt ist frei.

Im nordtoskanischen Bergdorf Sant’Anna di Stazzema töteten im Sommer 1944 Einheiten der Waffen-SS 400 bis 560 Zivilisten, darunter viele Frauen und etwa 130 Kinder. 2015 wurde das Verfahren gegen den letzten noch lebenden Teilnehmer dieses Massakers in Deutschland eingestellt. In seinem Film „Das zweite Trauma“ zeichnet der Journalist, Autor und Regisseur Jürgen Weber historische und juristische Sachver- halte nach. Der Film lässt aber auch den Erinnerungen und Emotionen der Überlebenden Raum. Jürgen Weber arbeitet seit mehr als 20 Jahren zum Thema deutsche Besatzung in Italien, Widerstand und Partisanenkampf. Die Vorführung im Kulturraum „die flora“, Florastraße 26, beginnt um 19.30 Uhr (Einlass ab 19.00 Uhr).

Im April 2004 eröffnete das Militärgericht von La Spezia (Tribunale Militare di La Spezia) einen Prozess gegen mehrere noch in Deutschland lebende Täter, am 22. Juni 2005 wurden zehn frühere SS-Angehörige zu lebenslanger Haft sowie Entschädigungszahlungen in Höhe von etwa 100 Millionen Euro verurteilt. Das Urteil wurde 2006 von einem Militärgericht in Rom bestätigt:
Karl Gropler – verurteilt nach italienischem Recht (inzwischen verstorben)
Georg Rauch – verurteilt nach italienischem Recht (inzw. verstorben)
Gerhard Sommer – verurteilt nach italienischem Recht
Alfred Schönenberg – verurteilt nach italienischem Recht (inzw. verstorben)
Ludwig Heinrich Sonntag – verurteilt nach italienischem Recht (inzw. verstorben)
Alfred Mathias Concina – verurteilt nach italienischem Recht (inzw. verstorben)
Horst Richter – verurteilt nach italienischem Recht (inzwischen verstorben)
Werner Bruß – rechtskräftig verurteilt nach italienischem Recht (inzw. verstorben)
Heinrich Schendel – rechtskräftig verurteilt nach italienischem Recht
Ludwig Goering – rechtskräftig verurteilt nach italienischem Recht
Deutschland lieferte die verurteilten Kriegsverbrecher nicht aus und vollstreckte die Urteile auch nicht selbst, so dass keiner der Verurteilten bestraft wurde oder gar ins Gefängnis musste.

Veranstaltungsfoto: Querwege, Konstanz.
Veranstalter: Gelsenzentrum e.V., Gemeinnütziger Verein für regionale Kultur- und Zeitgeschichte Gelsenkirchen in Kooperation mit der VVN-BdA Gelsenkirchen
Veranstaltungsort: Kulturraum „die flora“, 45879 Gelsenkirchen, Florastraße 26.
Die Veranstaltung wird von der Rosa-Luxemburg-Stiftung gefördert.

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