Gedenken an den Holocaust

Woche der Erinnerung in Gelsenkirchen

Filmvorführungen im Kulturzentrum „die Flora“, Florastraße 28:

„Nacht und Nebel“

19. Januar 2012
Beginn 19 Uhr mit einem Vortrag von Hartmut Hering

„Nacht und Nebel“ – Ein Film als Mahnmal gegen das Vergessen am Vorabend des 70. Jahrestages der berüchtigten Wannseekonferenz. Der Film nimmt seinen Ausgang in den grün überwucherten Ruinen von Auschwitz und zeigt dann in einem Rückblick das Geschehen in den Todeslagern, die gnadenlose menschenverachtende Präzision der „Endlösung“. Ein filmisches Dokument von erbarmungsloser Eindringlichkeit. Diese Qualität und sein Stellenwert als Warnung vor kollektiver Entmenschlichung im Zuge ideologischer Verblendung und politischer Diktatur verleihen dem Film eine zeitlose Aktualität.

„Alles weiß ich noch… und das ist das Schlimme an der Geschichte“

26. Januar 2012
Beginn 19 Uhr mit einem Vortrag von Dr. Rolf Heinrich

„Alles weiß ich noch… und das ist das Schlimme an der Geschichte“ – Videomitschnitt eines zeitzeugenschaftlichen Vortrages von Rolf Abrahamsohn. Der 86-jährige ist einer der wenigen jüdischen Überlebenden des Holocaust, der noch aus eigenem Erleben von der Deportation am 27. Januar 1942 von Gelsenkirchen nach Riga und seinen Gewalterfahrungen unter dem Terrorregime der Nazis berichten kann. Rolf Abrahamsohn berichtet von seinem und dem Leidensweg seiner Familie und dem von Freunden, der in die Konzentrationslager Kaiserwald, Stutthof und Buchenwald, in ein Außenlager von Buchenwald beim Bochumer Verein und weiter nach Theresienstadt führte.

Der Eintritt zu den Filmvorführungen ist frei – Um eine Spende für das Projekt Stolpersteine in Gelsenkirchen wird gebeten.

Gedenkveranstaltung „Gelsenkirchener Lichter“

70. Jahrestag der Deportationen von Gelsenkirchen nach Riga

27. Januar 2012 Internationaler Holocaust-Gedenktag
18:30 Uhr Treffen auf dem Bahnhofsvorplatz

Die Gedenkveranstaltung am Internationalen Holocaust-Gedenktag erinnert an alle Opfer des nationalsozialistischen Terrors und an die erste Deportation jüdischer Kinder, Frauen und Männer aus Gelsenkirchen vor 70 Jahren. Der sich anschließende Schweigegang führt über die Bahnhofstraße zum Neumarkt. Dort sind neben dem Aufstellen und Entzünden der „Gelsenkirchener Lichter“ auch Redebeiträge geplant, es sprechen u.a. Roman Franz (Landesverband der Sinti und Roma NRW), Dr. Michael Krenzer (Zeugen Jehovas) und Marianne Konze (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – VVN/BdA). Der Verein Gelsenzentrum e.V. lädt herzlich ein.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden gebeten, Kerzen mitzubringen.

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70. Jahrestag der Deportationen von Gelsenkirchen nach Riga

27. Januar 1942 – der erste Deportationszug mit Ziel Riga verlässt Gelsenkirchen

„Es ist schwer zu sagen, wer das bessere Los gezogen hat. Denn selbst die wenigen, die schließlich überlebt haben, auch sie sind für ihr Leben gezeichnet. Sie haben jeder für ihr ganzes restliches Leben noch an dem zu tragen, was sie seelich und körperlich dort erlitten haben.“

Am 27. Januar 1942 rollte der erste „Sammeltransport“ mit Kindern, Frauen und Männern jüdischer Herkunft von Gelsenkirchen Richtung Osten. Bestimmungsort der Menschenfracht war das Ghetto Riga. 359 Gelsenkirchener Juden wurden in die zum „Sammellager“ umfunktionierten Ausstellungshalle am Wildenbruchplatz unter unmenschlichen Bedingungen eingepfercht. Auch Juden aus umliegenden Revierstädten wurden nach Gelsenkirchen transportiert.

Die Gelsenkirchener Jüdin Helene Lewek wählte in der Ausstellungshalle am Wildenbruchplatz angesichts der bevorstehenden Deportation die Flucht in den Tod. Auf dem Weg nach Riga wurden weitere Menschen an verschiedenen Haltepunkten – u.a. in Dortmund und Hannover – in den Zug gezwungen. Der Deportationszug der Deutschen Reichsbahn erreichte schließlich mit etwa 1000 Menschen am 1. Februar 1942 Riga in Lettland.

Der überwiegende Teil der aus Gelsenkirchen und anderen Städten am 27. Januar verschleppten Juden wurden im Ghetto Riga oder in Konzentrationslagern ermordet. Zu den wenigen, die oftmals als Einzige ihrer Familien den Holocaust überlebt haben, gehören Rolf Abrahamsohn, Bernd Haase, Herman Neudorf und Elli Kamm, geborene Diament. Sie schildern hier, wie sie die Deportation aus Gelsenkirchen und die Ankunft in Riga erlebt haben.

Rolf Abrahamsohn

Der heute 86jährige Rolf Abrahamsohn aus Marl erinnert sich:

„Am Morgen des 24. Januar um sieben Uhr wurden wir in Recklinghausen lebenden Juden aus den Häusern geholt. Wir standen bis nachmittags um vier auf der Straße, bevor man uns mit Lastwagen nach Gelsenkirchen zur Ausstellungshalle am Wildenbruchplatz brachte. Am 27. Januar verließ der Deportationszug mit einigen hundert Juden aus Gelsenkirchen, Recklinghausen und weiteren umliegenden Orten die Stadt. Man hatte uns gesagt, dass wir in ein Arbeitslager kämen, damals habe ich das noch geglaubt. Im Zug war es tagsüber sehr heiß und nachts eiskalt – das war unser Glück. So konnten wir wenigstens das gefrorene Wasser von den Fenstern ablecken, damit wir nicht ganz verdursten.

Als wir am 1. Februar in Riga am Bahnhof Skirotava ankamen, wurden wir mit Gebrüll und Schlägen von der SS empfangen. Wir sollten einige Kilometer bis ins Ghetto Riga laufen, den Schwachen bot die SS scheinheilig eine Fahrt auf LKW dorthin an. Was die Menschen, die auf die LKW stiegen, nicht wussten: das war praktisch schon eine erste Selektion. Sie brauchten uns ja als Arbeiter. Wer nicht laufen konnte, konnte nach der Logik der SS auch nicht arbeiten und so fuhren die LKW mit ihrer Menschenfracht direkt zu den Erschießungsstätten im Wald von Bikernieki.“

Bernd Haase

Bernd Haase aus Gelsenkirchen, der heute 85jährig in den USA lebt, erzählt:

„Im Dezember 1941 wurden meine Mutter, meine Schwester und ich aufgefordert, unsere Habseligkeiten für eine Umsiedlung nach Osten zusammenzupacken. Wir kennzeichneten unsere Möbel und packten Bettzeug und Kleidung in Rucksäcke. Am Abreisetag packten wir noch Butterbrote ein. Es kam ein Bus und brachte uns vom „Judenhaus“ an der Bochumer Straße zur Gelsenkirchener Ausstellungshalle. Für unsere Nachbarn fuhren wir äußerlich normal weg. In der Ausstellungshalle mussten wir dann wie Tiere auf dem strohbedeckten Boden liegen.

Nur ein kleiner Zwischenfall: Es hatte geschneit und das Auto von einem der Nazi-Bonzen kam nicht weiter. So mussten ich und ein paar Andere den Wagen bis zur Arminstrasse schieben. Doch fühlte ich mich für eine halbe Stunde frei. Am fünften Tag, früh am Morgen, mussten wir durch Schnee und Dunkelheit zum Güterbahnhof marschieren. Dort schickte uns die Gestapo in einen Personenzug, brüllend und Peitschen schwingend. Wir wurden durchsucht und unser Geld und andere Wertgegenstände wurden uns weggenommen. Wir hatten unsere Rucksäcke mit im Zugabteil, unsere Koffer und die Haushaltsgegenstände wurden in einen angehängten Waggon gepackt. Dieser Wagen wurde später abgekoppelt und sein Inhalt an Fremde verteilt. Langsam verließ der Zug Gelsenkirchen. In Dortmund wurden weitere Waggons angehängt.“

Elli Kamm, nee Diament

Elli Kamm starb 2002 im Alter von 76 Jahren in den USA. Sie erzählte:

„Im Januar 1942 pferchten sie uns zusammen in Gelsenkirchen einem großen Warteraum und steckten uns dann in Züge. Der Transport ging nach Riga, in Lettland. Die Züge waren sehr kalt. Ich weiß nicht mehr genau, es waren fünf Tage, sechs Tage. Es war so kalt. Einigen Leuten erfroren die Finger, die Zehen, die Füße, es war schrecklich. Wir hörten die Flugzeuge, es gab Schiessereien, Bombardierungen, aber jedenfalls kamen wir Ende Januar, Anfang Februar bei Riga an. Der Ort hieß Skirotava. Es fror, es war kalt.

Und denken Sie daran: Bevor wir Deutschland verließen, sagten sie uns, wir könnten nur so und so viel mitnehmen. Wir zogen zwei Unterhemden, drei Pullover, drei Blusen, drei, vier Unterhosen an, so dass, wenn sie uns das Gepäck wegnehmen würden, wir immer noch das hätten, was wir am Körper hatten und so die Möglichkeit hätten, eine Zeit lang zu wechseln. Als wir in Skirotava ankamen und die SS da stand, ich denke, Obersturmführer Lange war sein Name und einige Andere. Mit Hunden und Schnee bis zum Hals und sie schrien: „Raus, raus, raus!“ Das war einfach schrecklich, ich meine so ein Chaos. Es war unglaublich. Sie befahlen uns, zu dritt oder zu viert da zu stehen und dann abzumarschieren.“

Herman Neudorf

Herman Neudorf, geboren in Horst-Emscher lebt heute in den USA, erzählt:

„Am 20. Dezember 1941 erhielten wir von der Gestapo, Staatspolizeistelle Gelsenkirchen, die erste Aufforderung: ‚Sie haben sich auf einen Transport zum Arbeitseinsatz nach dem Osten vorzubereiten. An Gepäck darf 10 RM mitgenommen werden. Die Fahrtkosten sind selbst zu entrichten – natürlich einfach, eine Rückfahrt war ja nicht vorgesehen. Vorbereitungen wurden getroffen. Medikamente, Frostschutzmittel, Winterkleidung, warme Decken und so weiter beschafft. Am 20. Januar 1942 kommt wieder ein Schreiben: ‚Sie haben sich zum Transport nach dem Osten in den nächsten drei Tagen bereitzuhalten.‘ Nun ist es soweit.

An einem Januarmorgen um 10 Uhr morgens wurden wir von der Gestapo aus dem „Judenhaus“ an der Markenstraße in Horst abgeholt und in einen Autobus verfrachtet, mit je einem Koffer. Im nu sammelte sich um das Auto eine Anzahl Schulkinder. Auf ihre neugierige Frage, wohin wir fahren, antwortete der Gestapo-Chauffeur: ‚Zur Erholung in ein Sanatorium.‘ Am Sammelplatz schliefen wir eine Nacht am Boden und am nächsten Tag wurden wir verladen. Es war der 27. Januar 1942. Aber diese Mörder wußten zu gut, wohin unsere Fahrt führt. Hoher Schnee mit ca. 25 Grad Kälte. Der Zug stand bereit. Ungeheizt. Am Ende des Zuges wurden drei Wagen mit unseren Koffern, Verpflegung und Küchengeräten angehängt. Dann fuhren wir ab. Türen natürlich abgeschlossen. Vor Hannover erfuhren wir, daß die letzten Wagen „heißgelaufen“ waren und abgehängt werden mußten. Nun besaßen wir nur noch das, was wir am Leibe trugen. Sechs Tage Fahrt durch Ostpreußen, Litauen, Lettland. Aborte verstopft, die Abteilwände mit einer Eisschicht überzogen.

Am 1. Februar erreichten wir unsere neue „Heimat“, der Transport hielt am Bahnhof Riga-Skirotava. Auf uns warteten schon SS-Leute in dicken Pelzmänteln. Sie trieben uns mit Schlägen, Beschimpfungen und Gebrüll aus dem Zug. Die Glieder waren noch starr vor Kälte. Zum Teil mit Autos oder zu Fuß ging es ab. Ungefähr drei Stunden Marsch. Lettische Wachen hüteten uns sorgfältig und rissen einigen gute Kleidungsstücke vom Leibe herunter. Ein mit Stacheldraht umgebener Stadtteil tauchte auf. Personen mit gelben „Judensternen“ konnte ich erkennen. Das war also das Rigaer Ghetto, das uns allen ewig in Erinnerung bleiben sollte. Oft wundert man sich selbst, dass man diese schrecklichen Jahre, die noch folgten, überhaupt überleben konnte.“

Mehr auf www.gelsenzentrum.de :
Den Holocaust überlebt – Menschen aus Gelsenkirchen berichten

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Woche der Erinnerung in Gelsenkirchen

Gedenken zum 70. Jahrestag der Wannseekonferenz

Der Massenmord an den Juden sowie an den Sinti und Roma war längst beschlossene Sache und schon im Gange. Die ersten Züge mit ihrer Menschenfracht rollten bereits Richtung Osten, als die berüchtigte Wannseekonferenz am 20. Januar 1942 in einer Villa am Großen Wannsee bei Berlin stattfand.

Der Schauplatz der Wannseekonferenz in Berlin, Am Großen Wannsee 56 - 58
In dieser Villa fand die Wannseekonferenz am 20. Januar 1942 statt

Hauptzweck der Konferenz – in den Einladungen als  „Besprechung mit Frühstück“ bezeichnet – war die Deportation der gesamten jüdischen Bevölkerung Europas zur Vernichtung in den Osten zu organisieren und zu koordinieren. Einziger Tagesordnungspunkt: „Die Endlösung der Judenfrage“. Die Teilnehmer, 15 führende Nazis, darunter Vertreter der SS und aller betroffenen Staatsbehörden,  legten den zeitlichen Ablauf für die weiteren Massentötungen fest, grenzten die dafür vorgesehenen Opfergruppen genauer ein und einigten sich auf eine Zusammenarbeit unter Leitung von Heydrich, Chef des Reichssicherheitshauptamts.  Adolf Eichmann, der „Judenreferent“ Heydrichs, war für das Protokoll zuständig.

Heydrichs Plan sah die systematische Vertreibung und Vernichtung von rund elf Millionen Menschen vor. Er nannte ihn „Endlösung der europäischen Judenfrage“, das bedeutet nichts anderes als die Koordination des Massenmordes, geplant war die systematische Vertreibung und Vernichtung von rund elf Millionen Menschen jüdischer Herkunft. Das den Opfern zugedachte Schicksal war grauenvoll: Straßenbau im Osten, „wobei zweifellos ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird“. Der „verbleibende Restbestand wird, da es sich bei diesem zweifellos um den widerstandsfähigsten Teil handelt, entsprechend behandelt werden“. Hunderttausende der  deutschen „Volksgenossen“ halfen dabei mit, etwa 6 Millionen Menschen jüdischer Herkunft fielen der Massenvernichtungsaktion zum Opfer. Es war eines der größten Verbrechen in der Menschheitsgeschichte.

Anlässlich des 70. Jahrestages der berüchtigten Wannseekonferenz zeigt der gemeinnützige Verein Gelsenzentrum am 19. Januar 2012  im Gelsenkirchener Kulturzentrum „die flora“ den Film „Nacht und Nebel“. Die Gedenkveranstaltung beginnt um 19 Uhr mit einem Vortrag von Hartmut Hering. Eintritt frei –  um eine Spende für das Projekt Stolpersteine in Gelsenkirchen wird gebeten.

Kulturzentrum „die flora“

Gelsenzentrum e.V. – Woche der Erinnerung

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Stadtgeschichte: Das „Judenhaus“ an der Markenstrasse 29

NS-Zeit in Gelsenkirchen-Horst

Die Bezeichnung „Judenhaus“ wurde in Nazi-Deutschland im Alltags- und Behördengebrauch für Wohnhäuser aus ehemals jüdischem Eigentum verwendet, in die ab Herbst 1939 ausschließlich Juden eingewiesen wurden. Diese Häuser wurden außen mit einem großen, gelben Stern gekennzeichnet. Die „Judenhäuser“ waren nichts anderes als kleinräumige Ghettos, sie standen unter ständiger Kontrolle der Gestapo. Im Gelsenkirchener Ortsteil Horst befanden sich so genannte „Judenhäuser“ an der Fischerstrasse 173, der Markenstrasse 28 und 29.

Die Erfassung der jüdischen Bevölkerung und ihre Konzentration in den so genannten „Judenhäusern“ war eine Vorstufe für die im Herbst 1941 beziehungsweise Januar 1942 einsetzenden Massendeportationen in die Konzentrations- und Vernichtungslager in Osteuropa. Am 27. Januar 1942 verließ der erste Menschentransport Gelsenkirchen, mehr als 350 Gelsenkirchener Juden wurden zunächst in das Ghetto Riga verschleppt, die wenigsten von ihnen überlebten die NS-Mord-Maschinerie.

Die Markenstrasse 29 in Gelsenkirchen-Horst heute. Im Erdgeschoß befand sich bis Ende der Dreißiger Jahre das Schuh- und Lederwarengeschäft des jüdischen Kaufmanns Moritz Stein.
Die Markenstrasse 29 in Gelsenkirchen-Horst heute. Im Erdgeschoß befand sich bis Ende der Dreißiger Jahre das Schuh- und Lederwarengeschäft des jüdischen Kaufmanns Moritz Stein.

In der Nazizeit wurde Juden der Besitz an Wohneigentum untersagt – sie wurden enteignet, Haus- und Grundbesitz wurde „arisiert“. Am 30. April 1939 wurde das „Gesetz über die Mietverhältnisse mit Juden“ erlassen. Wie zahlreiche andere seit 1933 erschienene Gesetze und Verordnungen trug es massiv dazu bei, das Leben jüdischer Familien weiter zu sanktionieren. Juden und „Arier“ sollten nicht mehr unter einem Dach wohnen, Mietverhältnisse mit Juden konnten nun nach Belieben aufgehoben werden. Mit Hilfe der Stadtverwaltung – federführend war dabei das Wohnungsamt – wurden jüdische Familien erfasst und zwangsweise in die so genannte „Judenhäuser“ einquartiert. Dies waren in der Regel Häuser, die sich (noch) in jüdischem Eigentum befanden. In die Wohnungen der dort lebenden Menschen wurden in der Folge weitere Familien zwangsweise einquartiert, so dass immer mehr Menschen auf kleinstem Raum zusammengepfercht wurden. In Hamburg wurden beispielsweise pro Person nur sechs bis acht Quadratmeter Wohnfläche zugestanden.

Das Wohn- und Geschäftshaus an der Markenstrasse 29 gehörte dem jüdischen Schuh- und Lederwarenhändler Moritz Stein, der im Erdgeschoß bis zu seinem Tod im Dezember 1938 ein Schuhgeschäft betrieb. Im Haus wohnte bereits die Familie Süsskind, zwangsweise dort einquartiert wurden dann ab 1940/41 Angehörige der Familie Langer, Frieda und Hermann Neudorf, Auguste Bry und die Eheleute Siegmund und Wittel Heinberg. Im Herbst 2012 verlegt der Kölner Künstler Gunter Demnig vor dem Haus Stolpersteine zur Erinnerung an Familie Süsskind.

Victor Klemperer notierte über ein Dresdner „Judenhaus“: „Cohns, Stühlers, wir. Badezimmer und Klo gemeinsam. Küche gemeinsam mit Stühlers, nur halb getrennt – eine Wasserstelle für alle drei (…) Es ist schon halb Barackenleben, man stolpert übereinander, durcheinander.“ Klemperer schreibt in seinen Tagebüchern mehrfach über ihm berichtete wie auch selbst erlebte „Haussuchungspogrome“, bei denen die Bewohner von Gestapobeamten beleidigt, bespuckt, geohrfeigt, getreten, geschlagen und bestohlen wurden. „Im Aufwachen: Werden „Sie“ heute kommen? Beim Waschen…: Wohin mit der Seife, wenn „Sie“ jetzt kommen? Dann Frühstück: alles aus dem Versteck holen, in das Versteck zurücktragen. (…) Dann das Klingeln … Ist es die Briefträgerin, oder sind „Sie“ es?“

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Umbennung – Straße war nach NS-Täter benannt

Stadt Gelsenkirchen ließ Chance verstreichen

Der Name des NS-Täters Paul Schossier als Namensgeber für eine Straße in Gelsenkirchen ist jetzt endgültig Geschichte. Im letzten Jahr wurde die Straße von der zuständigen Bezirksvertretung Nord umbenannt,  das alte Straßenschild blieb jedoch neben dem neuen ein Jahr durchgestrichen hängen. Auch diese Frist ist verstrichen, der Name des NS-Täters ist nun aus dem öffentlichen Raum verschwunden.

Die Stadt Gelsenkirchen ließ jedoch die Chance verstreichen, den nach dem Nazi-Schreibtischtäter Paul Schossier benannten Weg nach einem unschuldigen, neunjährigen Opfer seiner Tätigkeit umzubenennen. Der Ehrung durch die Straßenbenennung im Öffentlichen Raum, die der Nazi Paul Schossier seit 1966 erfahren hat, eine Ehrung der in Auschwitz ermordeten Rosa Böhmer, die zu den durch Schossier verfolgten Gelsenkirchener Sinti und Roma gehört, gegenüber zu stellen, wäre eine würdige und gerechte Lösung gewesen. Zwar verschwindet mit der Umbenennung der Name des Nazi-Täters endlich aus dem öffentlichen Raum, doch wurde hier die Chance vertan, „… ein Zeichen dafür zu setzen, dass die Stadt Gelsenkirchen die Sinti und Roma, die Bürger dieser Stadt waren, und ihr Schicksal nicht vergisst und dass ihre Geschichte auch heute noch einen Platz in Gelsenkirchen hat.“ Mit diesen Worten hatte Roman Franz, der Vorsitzende des Landesverbandes der Sinti und Roma, die Umbenennung des „Paul-Schossier-Weg“ in „Rosa-Böhmer-Weg“ befürwortet.

Die Umbenenung war bereits 2008 von Andreas Jordan, Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins Gelsenzentrum e.V. vor dem Hintergrund neuer Recherchen des Vereins angestoßen worden. Die lokale Politik reagierte daraufhin und gab ein Gutachten in Auftrag, dass Paul Schossiers Beteiligung am NS-Völkermord in seiner Eigenschaft u.a. als Rechts- und Polizeidezernent erneut bestätigte. So war Paul Schossier für die Deportation und die daran anschließende Ermordung der Gelsenkirchener Angehörigen des Volkes der Sinti und Roma im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau mitverantwortlich. Der Vorschlag des Gelsenzentrum e.V., der auch vom Landesverband der Sinti und Roma in NRW unterstützt wurde, den ehemaligen “Paul-Schossier-Weg” nach einem Opfer des “Wirkens” von Paul Schossier, dem 9-jährigen Sinti-Mädchen Rosa Böhmer aus Gelsenkirchen zu benennen, fand dagegen weder im Rat der Stadt Gelsenkirchen noch in der Bezirksvertretung Nord eine Mehrheit.

Die Anwohner des „Paul-Schossier-Weges“ reagierten seinerzeit in Kenntniss der „über das Mitläufertum hinausgehende Betätigung des Namensgebers Paul Schossier“ während der Zeit des Nazi-Regimes dennoch mit Unverständnis über die Umbenennung, wie es Anwohner Heinz Hackstein in einer Bürgeranfrage darlegte. Dagegen hieß es von Seiten der Politik, die Umbenennung sei “nachvollziehbar und vernünftig, man bedauere, dass es erst so spät zu einer Umbenennung kam“. Der neue Namensgeber Josef Sprenger, ein Lokalpolitiker und ehemaliger Bürgermeister, wurde 1933 von den Nazis aus dem Dienst entlassen. Sprenger war in der NS-Zeit keiner direkten Verfolgung ausgesetzt. Er verließ nach seiner Entlassung Gelsenkirchen und lebte bis zu seinem Tod 1951 in Essen.

Der Name des NS-Täters ist aus dem öffentlichen Raum entfernt worden

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182 Menschen wurden Opfer rassistischer Gewalt

Gegen das Vergessen

Dieses Video ist den 182 Menschen gewidmet, die von 1990 bis 2010 rassistischer und rechtsextremer Gewalt zum Opfer fielen. Sie wurden von Rechtsextremen ermordet, weil für sie im Weltbild der Nazis kein Platz ist; manche, weil sie den Mut hatten, menschenverachtenden Nazi-Parolen zu widersprechen, andere, weil sie Zivilcourage gezeigt haben. Einige der Morde bewegten die Öffentlichkeit, die meisten wurden jedoch kaum von der Zivilgesellschaft zur Kenntnis genommen, vergessen sind die meisten.

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Wir wollen die Klippe sein, an der die Braune Welle bricht!

Online-Kampagne gegen Rechtsextremismus nimmt Fahrt auf

Wir wollen die Klippe sein, an der die Braune Welle bricht – unter diesem Motto findet derzeit im sozialen Netzwerk Facebook eine Aktion gegen Rechtsextremismus statt. Die Online-Aktivisten des Netzwerks gegen Rassismus und Extremismus in Gelsenkirchen haben die Aktion, die sich rasend schnell im Netz verbreitet, am 14. Dezember gestartet. Nach nur 24 Stunden nehmen bereits mehr als 300 Internet-Nutzer an einer virtuellen Menschenkette teil.

An der virtuellen Menschenkette teilnehmen

Mehr: Virtuelle Menschenkette gegen Rechtsextremismus und Rassismus

Mehr: Die Aktion bei Facebook

Virtuelle Menschenkette gegen Rechtsextremismus und Rassismus

Zeige deinen Freunden, dass du dich in die Menschenkette einreihst – füge dieses PicBadge zu deinem Facebook-Profilbild hinzu! Einfach das Picbadge anklicken, der Anleitung folgen – das neue Profilbild auf Facebook verwenden – fertig!

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Volksverhetzung – Nazishop durchsucht

Auch Webseite nicht mehr erreichbar

Nach einer Strafanzeige des „Netzwerk gegen Rassismus und Extremismus Gelsenkirchen“ wegen Volksverhetzung durchsuchte die Berliner Polizei am 22. November die Geschäftsräume des rechten Versandhandels „Reconquista“. Der Internetshop bot unter anderem ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Killer Döner nach Thüringer Art“ an. Verantwortlich laut Impressum: Dirk Bernt und André Reinecke. Derzeit ist der Versandhandel, der sich in der rechten Szene großer Beliebtheit erfreute, auch im Web nicht mehr erreichbar.

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Woche der Erinnerung in Gelsenkirchen

Internationaler Holocaust-Gedenktag 2012

Der Internationale Holocaust-Gedenktag, der am 27. Januar europaweit begangen wird, erinnert an alle Menschen, die Opfer des nationalsozialistischen Rassen- und Größenwahns geworden sind. An diesem Tag wurden auch die Überlebenden des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz durch die Rote Armee befreit. Allein in der Mordfabrik Auschwitz starben etwa 1,5 Millionen Menschen auf grausamste Weise. Auschwitz, der deutsche Name eines kleinen Ortes in Südpolen, ist weltweit zum Synonym für den NS-Völkermord geworden.

Im Januar wird  in Gelsenkirchen vom 20.-27. Januar 2012 eine „Woche der Erinnerung“ zum Internationalen Holocaust-Gedenktag stattfinden. Die Gedenkwoche mahnt zur Erinnerung an den 70. Jahrestag der so genannten „Wannseekonferenz“ (20.1.) und den 70. Jahrestag des größten Deportationstransportes von Menschen jüdischer Herkunft aus Gelsenkirchen (27.1.).

Gedenken zum 70. Jahrestag der Deportation nach Riga

In Gelsenkirchen verließ am 27. Januar 1942 der erste und größte „Judensammeltransport“ die Stadt. Über 500 jüdische Menschen aus Gelsenkirchen und Umbebung wurden an diesem Tag mit der Deutschen Reichsbahn zunächst in das Ghetto Riga verschleppt. Nur die wenigsten der Menschen überlebten Transport, Ghettos und Konzentrationslager.

Der Verein Gelsenzentrum ruft  Organisationen, Schulen, Initiativen und Verbände zum Mitgestalten der „Woche der Erinnerung“ auf:  „Denkbar sind beispielsweise Gottesdienste, Workshops, Vorträge, Lesungen, Ausstellungen, Konzerte, Aufführungen, Zeremonien oder das Verlesen der Namen von NS-Opfern als aktiver Beitrag.  Der 27. Januar soll langfristig integraler Bestandteil der Gelsenkirchener Erinnerungskultur werden“ sagt Andreas Jordan von Gelsenzentrum. Der gemeinnützige Verein hat die Woche der Erinnerung“ initiiert, geplant sind u.a. Filmvorführungen und Vorträge im Kulturzentrum „die flora“ sowie eine Gedenkveranstaltung mit einem Schweigegang und Redebeiträgen. Ihren Abschluss findet die „Woche der Erinnerung“ mit dem Entzünden der Gelsenkirchener Lichter auf dem Neumarkt. Infos per Email: a.jordan ätt gelsenzentrum.de oder Telefon:0209/9994676
Quelle: Presse- und Medienmitteilung des Gelsenzentrum e.V. vom 30. November 2011

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Nazis fallen nicht einfach vom Himmel

Und plötzlich waren sie da, die Nazis

Und plötzlich waren sie da, die Nazis.

Deutschland ist schockiert.

Der Bundestag tagt und beschließt überfraktionell ein Papier gegen Rechtsradikalismus.

So etwas darf nie wieder passieren. Man ist sich einig.

Dönermorde?

Mafiageschäfte?

Russenmafia?

Türkengangs?

Vergessen. Man kann ja mal daneben liegen. Für was hat man denn auch einen Verfassungsschutz?

Es ist wie 1945.

Plötzlich waren die Nazis da.

Davor hat sie ja anscheinend niemand gesehen.

Die Hakenkreuze auf unseren Friedhöfen, die Glatzköpfe auf den Straßen, die Kommentare auf der Straße: anscheinend werden diese Signale von der Mehrheitsbevölkerung nicht wahrgenommen?

Was wir nicht brauchen, ist ein Aktionismus – wer erinnern uns: Fukushima? Klimaerwärmung? Sarrazin? Morgen schon wieder vergessen.

Während Deutschland über den Nazi-Terrorismus schockiert ist –
sendet das ZDF eine Sendung über den „Wüstenfuchs Rommel“.

Man diskutiert, ob er vielleicht doch ein Widerstandskämpfer gewesen sei.

Mehr muß man doch nicht über dieses Thema sagen.

Deutschland. 2011.

Man könnte schreien.

Autor: Immer wieder Freitag

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