Anfang und Ende einer Odysee

Die „Polenaktion“ am 28. Oktober 1938

Mehr als 80 jüdische Bürger werden an diesem Tag in Gelsenkirchen festgenommen, deutschlandweit über 18.000 Menschen, und zur polnischen Grenze verschleppt. Diese Diskriminierungsmaßnahme des NS-Terrorregimes gegenüber den in Deutschland lebenden Jüdinnen und Juden stellte einen ersten Höhepunkt der physischen Verfolgung dar und war der eigentliche Auftakt zur nachfolgenden, fast vollständigen Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden im Holocaust. Vor dem Hintergrund der kurze Zeit später folgenden antijüdischen Pogrome in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 (so genannte „Reichskristallnacht“) sind die Vorgänge um diese bis heute größte Ausweisungsaktion in der deutschen Geschichte fast völlig in Vergessenheit geraten.

Mit der Abschiebung von Gelsenkirchen nach Zbaszyn (Bentschen) vor 72 Jahren begann Herman Neudorfs Odysee durch die Vernichtungslager und Ghettos der Nazis. Herman war 13 Jahre alt, als sein Leidensweg begann. Dieser Weg endete erst sieben Jahre später, als er im April 1945 auf einem der Todesmärsche bei der Auflösung des KZ Buchenwald von amerikanischen Soldaten befreit wurde. Herman Neudorf hat seine Gedanken zu diesen Tag, den 28. Oktober 1938, im Oktober 2010 niedergeschrieben.

Meine Gedanken zum 28. Oktober 1938

On a dreary autumn day of Oct 28, 1938 at the age of 13, my childhood came to a tragic end. I had changed my underwear into a gymnastic outfit for the usual Turnen-Klasse on Fridays at the Real-Pro-Gymnasium in Horst, a Policeman suddenly appeared in my class room and forcibly marched me out to the surprised glanzes of my schoolmates. I could not even changed my clothes into warmer underwear. Cold, bewildered and frightened I did not dare to open my mouth as he marched me to the local Gefaengnis am Horster Stern. My mother was already there together with other dazed and terrified Jewish people. In the evening all of us were taken to the train station by policemen loading us on a train without telling us where we will be going. Later we found out we went to the polish border and a town called Zbaszyn (Bentschen). After the train stopped,we were dumped into No-mans-land on the German-Polish border.

Listening to the negotiations between he Polish and German Officials we realized that we were not considered German Citizens despite the fact that many of us were born in Germany including myself. Since my father was born in Poland, his entire family was considered Polish Nationals, although my mother was born in Herford, Germany. Two awful days followed in Zbanzsyn. I became ill with double-pneumonia,nursed by my helpless desperate mother. Fortunately she was able to contact my fathers family in Lodz-Poland, who obtained for us train tickets to come to their home. Over there, with the help of a good doctore and their love, I slowly recuperated from my sickness. Two weeks later „Krystallnacht“ broke out and our home and business in Horst auf der Markenstr. 19 was completely destroyed and we lost everything. An so, this Odyssey into Hell which began for this 13 year old boy on October 28, 1938 miraculously ended in April 1945 for an ematiated and near dead holocaust survivor, liberated from Riga/Buchenwald during a dead-march by the American Army. All his parents and family members were gone, murdered by the Nazi-regime.

An einem einem trüben Herbsttag nahm meine Kindheit ein tragisches Ende. Es war der 28. Oktober 1938, ich war damals 13 Jahre alt. Ich hatte mich grade umgezogen und trug meinen Turnanzug, die übliche Turnstunde am Freitag stand bevor, als plötzlich ein Polizist in unsere Klasse am Realprogymnasium in Horst kam. Vor meinen überraschten Mitschülern befahl er mir in barschem Ton, mit ihm zu kommen. Ich traute mich nicht, den Mund aufzumachen, ich konnte mich nicht einmal mehr umziehen. Völlig verängstigt, verwirrt und frierend folgte ich ihm zum Polizeigefängnis am Horster Stern. Dort sperrte man mich in eine Zelle, in der sich schon meine Mutter und andere Juden befanden. Sie alle waren völlig betäubt und erschrocken. Am Abend wurden wir von Polizisten zum Bahnhof gebracht und mußten in einen wartenden Zug einsteigen, niemand sagte uns, wo die Fahrt hingehen sollte. Später fanden wir heraus, dass man uns an die polnische Grenze in die Nähe eines Ortes Namens Bentschen (Zbaszyn) gebracht hatte. Nachdem der Zug anghalten hatte, warf man uns hinaus und wir standen mitten im Niemandsland an der deutsch-polnischen Grenze.

Aus den Gesprächen der deutschen Grenzer mit den Polen entnahmen wir, das wir nicht als Deutsche galten, obwohl viele von uns in Deutschland geboren waren. Da mein Vater in Polen geboren wurde, sah man seine ganze Familie als polnische Staatsangehörige an, obwohl meine Mutter in Herford und ich in Gelsenkirchen geboren worden war. Zwei schreckliche Tage folgten, ich bekam eine beidseitige Lungenentzündung. Meine hilflose und verzweifelte Mutter pflegte mich, so gut sie konnte. Glücklicherweise konnte Mutter Kontakt mit der Familie meines Vaters in Lodz aufnehmen, sie schickten uns Bahnfahrkarten, so konnten wir zu ihnen fahren. Dort erholte ich mich langsam von meiner Krankheit, dank Mutters liebevoller Pflege und der Hilfe eines Arztes. Zwei wochen später fand dann in Deutschland die „Kristallnacht“ statt. Unser Geschäft und unsere Wohnung an der Markenstraße 19 in Gelsenkirchen-Horst wurden völlig zerstört, wir hatten alles verloren. Diese Odysee in die Hölle, die am 28. Oktober 1938 für mich als 13jähriger begann, endete auf wundersame Weise im April 1945, als ich ausgemergelt und dem Tode nahe während eines Todesmarsches von amerikanischen Soldaten befreit wurde. Meine Eltern und alle meine Angehörigen waren tot, ermordet vom Nazi-Regime.

Die Flucht und glückliche Befreiung des Häftlings Nr. 82609 des Konzentrationslagers Buchenwald

Am 10. April 1945 wurden 4.000 Häftlinge des KZ Buchenwald von der SS auf einen Todesmarsch geschickt, der von Buchenwald nach Dachau führen sollte. Unter Ihnen befand sich auch Herman Neudorf. Die Häftlinge wurden von Amerikanischen Soldaten in der Nähe von Jena befreit. Herman Neudorf beschreibt in seinem Bericht vom 20. April 1945 die Umstände seiner Befreiung:

→ Die Flucht und glückliche Befreiung des Häftlings Nr. 82609

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Neue Stolpersteine für Gelsenkirchen

In Gelsenkirchen erinnern jetzt 19 Stolpersteine an NS-Opfer

Der beindruckende Film von Jesse Krauß dokumentiert den Vortrag Gunter Demnigs über sein Stolperstein-Projekt und die Stolperstein-Verlegungen von Februar und Juni 2010 in Gelsenkirchen.

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Vor meiner Haustür – „STOLPERSTEINE“ von Gunter Demnig

Ein Begleitbuch, herausgegeben von Joachim Rönneper

Anläßlich der Neuerscheinung dieses Begleitbuches von Joachim Rönneper findet am 27. Oktober 2010 in der Buchhandlung Junius, Gelsenkirchen, Sparkassenstraße 4 eine Abendveranstaltung statt. Ludwig Baum, ehemals Dramaturg und Generalindendant am MIR, wird Gedichte und Prosatexte aus dem Buch lesen, Peter Rose wird „über die Notwendigkeit, sich zu erinnern“ sprechen. Beginn der Veranstaltung 19:30 Uhr.

Gunter Demnigs Stolpersteine in Gelsenkirchen

Seit Juli 2009 sind in Gelsenkirchen 19 Stolpersteine an verschiedenen Stellen im Stadtgebiet in das Pflaster der Gehwege eingelassen worden. Der Arbeitskreis Stolpersteine Gelsenkirchen stellt das Projekt auf seiner Internetpräsenz vor.

→ Stolpersteine in Gelsenkirchen

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Dieter Ebels: Helene – Eine Kriegskindheit

Autorenlesung: Dieter Ebels liest im AWO-Seniorenzentrum Gelsenkirchen-Schalke

Der Duisburger Autor Dieter Ebels liest am Donnerstag, den 4. November 2010 in Gelsenkirchen-Schalke aus seinem Buch „Helene – Eine Kriegskindheit“. Die Lesung findet im Veranstaltungssaal des AWO-Seniorenzentrums Gelsenkirchen-Schalke an der Grenzstraße 49-51 statt, Beginn 15:30 Uhr. Alle interessierten Bürgerinnen und Bürger sind herzlich eingeladen.

Helene – eine Kriegskindheit

Die Geschichte schildert die Kriegsjahre aus Sicht des Mädchens Helene. Not und Elend sind allgegenwärtig. In den letzten Jahren des zweiten Weltkrieges zermürben ständige Bombenangriffe die Bevölkerung der großen Industriestädte. Dem Leser offenbahrt sich auch hautnah, was das Mädchen Helene gefühlt hat, als es zitternd im Schutzraum saß, während draußen die Bomben alles in Schutt und Asche legten. Im Anschluss an die Lesung besteht die Möglichkeit, mit dem Autor Dieter Ebels und den anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern ins Gespräch zu kommen. Veranstalter ist der gemeinnützige Verein Gelsenzentrum e.V., der Eintritt ist kostenlos.

Bei Recherchen zu diesem Buch hatte der 1955 in Duisburg geborene Dieter Ebels auch Zeitzeugen befragt. Dabei war er auf eine alte Dame gestoßen, die ihm von ihrer Kindheit im Krieg erzählte. Diese Erzählung war Dieter Ebels dermaßen unter die Haut gegangen, dass er sich dazu entschloss, sie niederzuschreiben. Zitat des Autors: „Irgendwann einmal wird es die Generation, die den Krieg noch selbst miterleben musste, nicht mehr geben. Dann gehen solche Erinnerungen für immer verloren, Erinnerungen, die unbedingt als Mahnung für die nachfolgenden Generationen festgehalten werden müssen.“

Soziales Angagement

Für Seniorenwohnheime, Begegnungsstätten und caritative Einrichtungen, in denen aus finanziellen Gründen normalerweise keine Lesungen stattfinden können, bietet der Autor entgeldfreie Lesungen an. Auch für die Lesung in Gelsenkirchen verzichtet Dieter Ebels auf ein Autorenhonorar.

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Umbenennung des „Paul-Schossier-Weg“

Rosa-Böhmer-Weg nicht diskussionswürdig?

Wie es aussieht, lässt die Stadt Gelsenkirchen die Chance verstreichen, den nach dem Nazi-Schreibtischtäter Paul Schossier benannten Weg nach einem unschuldigen, neunjährigen Opfer seiner Tätigkeit umzubenennen. Der Ehrung durch die Straßenbenennung im Öffentlichen Raum, die der Nazi Paul Schossier seit 1966 erfahren hat, eine Ehrung der in Auschwitz ermordeten Rosa Böhmer, die zu den durch Schossier verfolgten Gelsenkirchener Sinti und Roma gehört, gegenüber zu stellen, wäre eine würdige und gerechte Lösung gewesen.

Doch in der Beschlussvorlage der Verwaltung für den Rat der Stadt am 07. Oktober 2010, schlägt die Verwaltung vor, „… aufgrund der über das Mitläufertum hinausgehenden Betätigung des Namensgebers für das nationalsozialistische ‘Dritte Reich’ …“ den Paul-Schossier-Weg in Josef-Sprenger-Weg umzubenennen.

In der Begründung findet sich noch nicht einmal ein Abwägen der verschiedenen gemachten Namensvorschläge. Auch der Vorschlag „Rosa-Böhmer-Weg“ wird komplett ignoriert. Andreas Jordan hatte in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Gelsenzentrums bereits Ende September Bezirksbürgermeister Klasmann diesen Vorschlag unterbreitet, ohne bislang eine Antwort erhalten zu haben. Auch ein Brief des Landesverbandes der Sinti und Roma an den Oberbürgermeister Baranowski, in dem dieser den Vorschlag unterstützt, blieb offenbar ohne Wirkung.

Zwar verschwindet mit der Umbenennung der Name des Nazi-Täters endlich aus dem öffentlichen Raum, doch wird hier die Chance vertan, „… ein Zeichen dafür zu setzen, dass die Stadt Gelsenkirchen die Sinti und Roma, die Bürger dieser Stadt waren, und ihr Schicksal nicht vergisst und dass ihre Geschichte auch heute noch einen Platz in Gelsenkirchen hat.“ Mit diesen Worten befürwortet Roman Franz, der Vorsitzende des Landesverbandes der Sinti und Roma, die Umbenennung des „Paul-Schossier-Weg“ in „Rosa-Böhmer-Weg“.

Nun ist die Bezirksvertretung Nord gefragt, die am 04. November 2010 über die Beschlussvorlage abstimmen wird. Sie könnte sie ja ablehnen und einen Änderungsantrag einbringen, in dem der „Paul-Schossier-Weg“ in „Rosa-Böhmer-Weg“ umbenannt wird.

Quelle: → Der Rote Emscherbote, 9. Oktober 2010

Dokumentation: → Das Verfolgungungsschicksal des Kindes Rosa Böhmer

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Jüdischer Widerstand in Auschwitz

Gelsenzentrum e.V. erinnert an Leo Diament

Leo Diament wurde am 6. Dezember 1921 in Gelsenkirchen geboren. Zunächst Anfang der vierziger Jahre im KZ Sachsenhausen inhaftiert, wurde er von dort nach Auschwitz III verschleppt und ermordet.

Anfang Oktober 1944 wurde ein Galgen auf dem Appellplatz des Vernichtungslagers Auschwitz III errichtet. Mehr als 10.000 Gefangenen wurde befohlen, sich um den Galgen zu versammeln. Drei Häftlinge wurden im grellen Licht der Scheinwerfer von der SS herbeigeschafft.

Page of Testimony: Leo Diament aus Gelsenkirchen

Es waren Jack Grossfeld, ein Medizinstudent aus Krakau, Nathan Weissman, ein Jurastudent aus Lodz und Leo Diament aus Gelsenkirchen, denen ihre öffentliche Ermordung bevorstand.  Der 23-jährige Leo Diament wurde als letzter erhängt. Bevor der Henker die Kiste unter seinen Füssen wegstieß, rief Leo Diament: „Mut, Kameraden! Vergesst uns nicht! Es lebe die Freiheit!“ Diese Szenerie ist den wenigen Überlebenden des KZ Auschwitz III in unauslöschlicher Erinnerung geblieben.

Leo’s Bruder Fred Diament, der mit ihm in Auschwitz III war, es konnte es nicht ertragen, Zeuge der Hinrichtung seines Bruders zu sein. Ein Apotheker brachte ihn zur Lagerkrankenstation, wo er arbeitete und behielt ihn dort, bis die Hinrichtungen vorbei waren.

Fred Diament hat im Oktober 1946 einen Nachruf für seinen Bruder Leo geschrieben: In Memoriam Leo Yehuda Diament

Die drei ermordeten jüdischen Widerstandskämpfer hatten den  Versuch unternommen, Kontakt zu polnischen Widerstandsgruppen aufzunehmen, die ihnen hätten helfen können, eine Massenausbruch aus dem Vernichtungslager Auschwitz III zu organisieren. Die Männer wurden jedoch denunziert. Sechs Wochen lang mussten sie Folterungen durch die  SS erdulden,  ihre Kameraden und ihrem Plan verrieten sie jedoch  nicht. In der Nacht vom 9. auf den 10. Oktober 1944 wurden sie schließlich ermordet.

Hintergrund: Das Vernichtungslager Auschwitz III

Das Lager Buna (dann Monowitz, später Auschwitz III genannt) war das erste von einem privaten Industrieunternehmen (IG Farben) geplante und finanzierte Konzentrationslager, das ausschließlich für die Zwangsarbeit von Häftlingen vorgesehen war. In diesem Industriekomplex  mussten sich Zwangsarbeiter für die deutsche Kriegsproduktion unter Aufsicht der SS zu Tode schuften.

NS-Wirtschaftsverbrecher

Wegen ihrer Verantwortung für den Einsatz von Konzentrationslagerhäftlingen in Auschwitz III wurden die zuständigen Vorstandsmitglieder der IG Farben, Otto Ambros und Heinrich Bütefisch, der Betriebsführer Walter Dürrfeld, die Vorsitzenden Fritz ter Meer und Carl Krauch zu Haftstrafen zwischen fünf und acht Jahren verurteilt, wurden aber schon bald vorzeitig aus der Haft entlassen.

Die verurteilten Kriegsverbrecher bekleideten bald wieder hohe Führungspositionen in der deutschen Nachkriegswirtschaft,  indem sie alte Seilschaften reaktivierten und „alten Kameraden“ ihnen ihre Ämter zuschanzten – Gajewski war u.a.Aufsichtsratsmitglied der Gelsenkirchener Bergwerks AG, Ambros wurde u.a. Aufsichtratsmitglied der Scholven-Chemie AG Gelsenkirchen, Bütefisch wurde u.a. Aufsichtsratsvorsitzender der Kohle-Öl-Chemie GmbH in Gelsenkirchen, Dürrfeld war u.a. Vorstandsmitglied der Scholven-Chemie AG, Gelsenkirchen-Buer.

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89-Jähriger im Visier der Ermittler

Hausdurchsuchung bei ehemaligen Wehrmachtsangehörigen

Die Staatsanwaltschaft Dortmund und Ermittler der Landeskriminalämter Bayern und Nordrhein-Westfalen durchsuchten bei ehemaligem Wehrmachtsangehörigen der „Fallschirm-Panzer-Division Hermann Göring“.

Am 6. Oktober 2010  haben ein Staatsanwalt der Zentralstelle im Lande Nordrhein-Westfalen für die Bearbeitung von nationalsozialistischen Massenverbrechen bei der Staatsanwaltschaft (StA) Dortmund und Ermittler der Landeskriminalämter (LKA) München und Düsseldorf die Wohnräume eines 89-jährigen Beschuldigten aus dem Großraum München durchsucht. In dem Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts des Mordes ist das LKA NRW von der StA Dortmund um die Durchführung der polizeilichen Ermittlungen ersucht worden.

Der Beschuldigte ist verdächtigt, im Kriegsjahr 1945 mindestens zehn russische Kriegsgefangene bei Pabianice (Polen) erschossen und die Leichen anschließend mit Benzin übergossen sowie verbrannt zu haben. Der Beschuldigte hat eine Beteiligung an Tötungshandlungen in Abrede gestellt. Bei der Durchsuchung konnte Schrift- und Bildmaterial aufgefunden und beschlagnahmt werden. Die Ermittlungen dauern an.

Kriegsverbrechen der „Fallschirm-Panzer-Division Hermann Göring“

Die Division kam 1944 bei der so genannten „Partisanenbekämpfung“ in Italien zum Einsatz. Einheiten der Division waren mitverantwortlich für die Massaker um den Monte San Giula, in Villaminozo, Monte Falterona, Valdarno (in der Provinz Arezzo), Cavriglia sowie Castelnuovo dei Sabbioni, bei dem 73 Männer aus Rache für Anschläge der Resistenza erschossen wurden; außerdem für das Massaker in dem kleinen Ort Civitella in Val di Chiana und seiner Umgebung am 29. Juni 1944, bei dem 250 Zivilisten erschossen wurden.

Einheiten dieser Division beteiligten sich auch an den Kämpfen während des Warschauer Aufstandes, als im Rahmen von Hitlers Befehl, die Stadt zu zerstören, Massenexekutionen an Zivilisten durchgeführt wurden. Soldaten der „Hermann-Göring-Division“ sollen außerdem Zivilisten als menschliche Schutzschilde für die Panzer verwendet haben. Wie in vielen anderen Fällen von Kriegsverbrechen wurden keine Gerichtsverhandlungen durchgeführt.

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Gemeinschaftsprojekt in Bochum

Schülerinnen und Schüler als Stolperstein-Paten

Auch Klassenlehrerin Tina Grewe und Schulleiter Martin Breuer waren mit dabei, als Gunter Demnig am Montagmorgen an der Dorstener Straße 204 im Bochumer Ortsteil Hamme zusammen mit Schülerinnen und Schülern der Klasse 10b der Maria-Sibylla-Merian-Gesamtschule aus Wattenscheid vier Stolpersteine verlegte.

Die Mitglieder einer Projektgruppe der Gesamtschule hatten in ihrer Freizeit recherchiert, um Informationen über das Verfolgungsschicksal der Familie des jüdischen Klempnermeisters Hermann Alexander zusammenzutragen und wurden so Paten des Projektes Stolpersteine. Das Besondere an dieser Schülergruppe sind die unterschiedlichen Nationalitäten: Eine Thailänderin, eine kurdische Alevitin, eine Türkin, eine Polin, eine Kosovo-Albanerin, eine Syrerin und vier deutsche Jugendliche haben gemeinsam in der Gruppe mitgearbeitet.

In Gelsenkirchen, anders als in vielen Revierstädten, hat sich bisher noch keine Schule an Gunter Demnigs Erinnerungsprojekt Stolpersteine, das sich seit dem Start im Jahr 1997 zum größten dezentralen Mahmal der Welt entwickelt hat, beteiligt. Eine Briefaktion im Mai 2009, die sich an die Gelsenkirchener Schulen richtete und das Erinnerungsprojekt des Kölner Künstlers Gunter Demnig vorstellte, blieb ohne Resonanz.

Eine aktive Beteiligung von Gelsenkirchener Schülerinnen und Schülern wäre wünschenswert. Wir, der Arbeitskreis Stolpersteine in Gelsenkirchen, bieten unsere Unterstützung und Hilfe bei der Projektarbeit und Recherche an. Jugendliche können so über das Projekt Stolpersteine einen Zugang zur deutschen Geschichte zwischen 1933-1945 finden und die Erinnerungskultur in Gelsenkirchen aktiv mitgestalten. Gerade die Auseinandersetzung mit der lokalen Geschichte kann ein pädagogisch wertvoller Anknüpfungspunkt sein.

Der Arbeitskreis Stolpersteine hat seit Juli 2009 drei Verlegeaktionen organisiert und zusammen mit Gunter Demnig 19 Stolpersteine an 11 Orten im Gelsenkirchener Stadtgebiet verlegt. Bei der nächsten Verlegeaktion, deren Planung und Organsitaion bereits angelaufen ist, sollen weitere 17 Stolpersteine hinzukommen.

→ Stolpersteine in Gelsenkirchen

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Räderwerk des Todes – Reichsbahn und Deportation

Vortrag in der NS-Dokumentationsstätte fand wenige Zuhörer

Nur einige wenige Zuhörer fanden gestern Abend den Weg in die Gelsenkirchener NS-Dokumentationsstätte an der Cranger Straße. Der Historiker Ludger Heid (Universität Duisburg) beschäftigte sich im Rahmen der Vortragsreihe des ISG in seinen Betrachtungen  mit der direkten Beteiligung der Deutschen Reichsbahn am größten Mordprojekt der deutschen Geschichte, dem Holocaust. Ohne den Einsatz der Deutschen Reichsbahn wäre der systematische Mord an den europäischen Juden, Sinti und Roma und anderer Menschengruppen nicht möglich gewesen.

Vortrag in der NS-Dokumentationsstätte Gelsenkirchen

Exemplarisch beleuchtete Ludger Heid auch die Rolle einzelner im Räderwerk des Todes, so z.B. die des Albert Ganzenmüller, der ab Mai 1942 stellvertretender Reichsbahn-Generaldirektor und Staatssekretär im Reichsverkehrsministerium war. Ganzenmüller war für die Organisation der Deportationszüge verantwortlich  und sorgte in seiner Funktion für den reibungslosen Verlauf der Menschen-Transporte in die Massenvernichtungslager. Strafrechtlich belangt worden ist Ganzemüller für seine Beteiligung am millionenfachen Mord jedoch nicht. Ein Prozeß gegen ihn, der 1973 vor dem Landgericht Düsseldorf begann, wurde nach wenigen Tagen wegen „Verhandlungsunfähigkeit“ des Angeklagten eingestellt, Ganzenmüller starb 1996.

Unzählige weitere Täter, einer von ihnen war der Hauptmann der Schutzpolizei Paul Salitter, die mit der Durch- und Ausführung der Deportation beauftragt waren, machten den Massenmord in seiner ganzen schrecklichen Dimension überhaupt erst möglich. „Welches Schicksal den
Menschen in den Zügen bevorstand, haben alle Beteiligten gewußt“ so Ludger Heid.

Salitter, der als Transportführer mit einem Kommando von 15 Schutzpolizisten  1941 einen Deportationszug mit 1007 Menschen von Düsseldorf nach Riga „begleitete“, hat über diesen Transport einen Bericht geschrieben, der erhalten geblieben ist. Aus diesem Bericht geht auch hervor, das die Wachmannschaft unterwegs vom „Deutschen Roten Kreuz“ verpflegt und versorgt wurde. Auch Salitter ist, wie viele andere, nach dem Krieg strafrechtlich nicht belangt worden, er starb 1972.

→ Der Salitter-Bericht

Die Deutsche Reichsbahn hatte nach einem Gutachten der Bürgerinitiative „Zug der Erinnerung“ aus dem Jahr 2009 mit den Deportationen immense Einnahmen erzielt, Zitat: Die Addition der minimal angesetzten „Reichsbahn“-Einnahmen aus Handlungen zur Beihilfe am Massenmord ergibt ohne Zinsen und Zinseszinsen: 444.791.939,80 €. Zitat Ende.

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Erinnerung an die ermordeten Sinti und Roma aus Gelsenkirchen

“O pharipe meg dschil … Das Leid lebt noch…” - Erinnerung an die ermordeten Sinti und Roma aus  Gelsenkirchen

Ankündigung: “O pharipe meg dschil … Das Leid lebt noch…”

Erinnerung an die ermordeten Sinti und Roma aus Gelsenkirchen am Donnerstag, 16. Dezember 2010, 19:00 Uhr. Treffpunkt: Ostpreußenstrasse, Ecke Exterbruch (Bogestra-Busdepot). Schweigegang vom Treffpunkt zur damaligen Reginenstraße, Höhe Bahnübergang Ostpreußenstraße.

Mit einer Kranzniederlegung und dem entzünden von Kerzen gedenken der VVN Gelsenkirchen und der gemeinnützige Verein Gelsenzentrum e.V. den im Nationalsozialismus ermordeten Menschen des Volkes der Sinti und Roma.

Wir schaffen an diesem Gedenktag mit Blumen und Kerzen einen temporären Erinnerungsort für die ermordeten Sinti und Roma und wollen so an diesem authentischen Ort an zeithistorische Geschehnisse, die in das Fabrikmäßige Töten von Menschen mündeten, in den Focus der Öffentlichkeit rücken.

Download Veranstaltungshinweis:
→ Erinnerung an die ermordeten Sinti und Roma

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