Das vergessene Massaker

Im August 1944 töteten deutsche Soldaten aus Rache 124 Einwohner des französischen Dorfes Maille. Ein Verbrechen, das nie gesühnt wurde. Nun ermittelt ein deutscher Staatsanwalt vor Ort

Die Handvoll Straßen zwischen Kirche, Rathaus und Bahnhof an der Bahnstrecke zwischen Paris und Bordeaux sind schnell erkundet. Und vielleicht hat die Gesichtslosigkeit von Maille in der Touraine mit dazu geführt, dass selbst die Geschichte diesen Ort vergessen hatte.

Mit ihrem Kummer waren die Menschen von Maille jahrzehntelang allein geblieben. Jedes Jahr, am 25. August, wenn Paris den Tag seiner Befreiung von deutscher Besatzung ausgelassen feiert, kommt der Schmerz in Maille wieder hoch, fließen die Tränen. Ausgerechnet an diesem Tag, als die Befreiung schon zum Greifen nah schien, hörte das alte Maille auf zu existieren. Morgens um 9 im August 1944 umstellten deutsche Soldaten das Dorf mit seinen gut 600 Einwohnern, durchkämmten anschließend jedes Haus, jeden Keller, jeden Garten, ermordeten Männer, Frauen, Kinder. Das Jüngste war drei Monate.

124 Menschen starben bei diesem Massaker, das bis in die Mittagsstunden dauerte. Anschließend feuerte die Artillerie noch bis in den Abend auf die 60 Häuser von Maille. Ganze Familien wurden an diesem Tag ausgelöscht. Ihre Namen, ihr Alter liest man heute auf dem großen Gedenkstein, der den Friedhof prägt. Jetzt, knapp 64 Jahre danach, wird die Vergangenheit wieder lebendig, taucht Maille aus dem Schatten des Vergessens auf. Der Dortmunder Staatsanwalt Ulrich Maas, der die NRW-Zentralstelle für die Verfolgung von NS-Verbrechen leitet, wird Mitte Juli, zusammen mit zwei Beamten des Stuttgarter Landeskriminalamts, im Dorf erwartet. Das Kriegsverbrechen von Maille, in Frankreich längst zu den Akten gelegt, soll nicht ungesühnt bleiben, auch wenn die Hoffnung nach so vielen Jahrzehnten naturgemäß gering ist, noch Schuldige für ihre Tat sühnen zu lassen. Die Aktenlage ist dünn. Kein Historiker, kein Staatsanwalt hat sich groß für Maille interessiert, das in der Liste der französischen „Märtyrer-Dörfer“ gleich hinter Oradour-sur-Glane stehen müsste. In Oradour wütete die SS. Der ganze zerstörte Ort ist bis heute ein viel besuchtes Mahnmal.

MASSAKER VON ORADOUR-SUR-GLANE

Kriegsverbrecher Heinz Barth gestorben

Im Zweiten Weltkrieg war er an einem der schlimmsten Verbrechen beteiligt: SS-Obersturmführer Heinz Barth und seine Schergen töteten in dem französischen Dorf Oradour-sur-Glane 642 Menschen. Jetzt ist der Massenmörder im Alter von 86 Jahren gestorben.

Gransee – Heinz Barth starb bereits am 6. August 2007, wie der Pfarrer des brandenburgischen Gransee, Heinz-Dieter Schmidtke, heute sagte. Im Juni 1944 war Obersturmführer der Waffen-SS Barth an einem Massaker mit 642 Todesopfern in dem französischen Dorf Oradour-sur-Glane beteiligt. Dafür wurde er 1983 von einem DDR-Gericht zu lebenslanger Haft verurteilt. 1997 kam Barth auf freien Fuß.

Kurz nach dem Massaker war Barth schwer verwundet worden. Er verlor ein Bein, eine Schulter blieb steif. Dafür erhielt er nach dem Fall der Mauer als Kriegsversehrter von 1991 bis 1998 eine Zusatzrente, was für Empörung gesorgt hatte. In der DDR lebte er lange unter falschem Namen. Erst nach Jahrzehnten flog seine Tarnung auf.

In Oradour-sur-Glane nahe Limoges hatte die zweite SS-Panzerdivision „Das Reich“ die Männer des Dorfes erschossen. Frauen und Kinder wurden in eine Kirche getrieben, die die SS-Leute in Brand steckten. Oradour-sur-Glane wurde zum Symbol für deutsche Kriegsverbrechen in Frankreich. dpa

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Nazi-Fahnder hoffen auf Demjanjuk-Prozess in Deutschland

Er soll für den Tod von zehntausenden Juden in Konzentrationslagern mitverantwortlich sein. „Iwan der Schreckliche“, so nannten Häftlinge den KZ-Wächter Iwan John Demjanjuk. Nun könnte der mutmaßliche Nazi-Kriegsverbrecher bald vor einem deutschen Gericht stehen.

Ludwigsburg – Iwan John Demjanjuk ist laut der kürzlich vom Simon-Wiesenthal-Zentrum veröffentlichen Liste die Nummer zwei der zehn meistgesuchten Nazi- Kriegsverbrecher. 1988 wurde er in Jerusalem zum Tode verurteilt, weil er in verschiedenen deutschen Vernichtungslagern an Massenmorden an Juden beteiligt gewesen sein soll. Das Urteil wurde aber 1993 aufgehoben, weil es Zweifel gab, dass es sich bei ihm wirklich um den berüchtigten Wärter „Iwan der Schreckliche“ handelt.

Bald könnte der heute 88-jährige mutmaßliche Kriegsverbrecher erneut vor Gericht kommen – in Deutschland. „Wir sind der Auffassung, dass er nach deutschem Strafrecht verurteilt werden kann“, sagte der Leiter der Zentralen Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen, Kurt Schrimm, am Dienstag der Deutschen Presse-Agentur dpa. Die zuständige Behörde in Ludwigsburg werde in den kommenden zwei Monaten einen Antrag beim Bundesgerichtshof stellen, um die Ausweisung des gebürtigen Ukrainers aus den USA zu erreichen. Das höchste deutsche Strafgericht müsse entscheiden, ob der Fall in der Verantwortung einer deutschen Staatsanwaltschaft liege und wenn ja, welche Anklagebehörde zuständig wäre.

Schrimm zufolge könnte im Fall Demjanjuk eine Ausnahme im deutschen Gesetz greifen. Zwar ist die deutsche Justiz nur zuständig, wenn der Täter ein Deutscher ist oder die Straftat auf deutschem Boden verübt wurde. „Aber eine große Anzahl der Opfer kam aus Deutschland und Demjanjuk handelte in deutschem Auftrag“, erklärte Schrimm. Eine Verurteilung Demjanjuks durch ein deutsches Gericht könnte auch weitreichende Folgen für die Verfolgung anderer nationalsozialistischer Straftäter haben: „Es gibt noch viele weitere, die ähnlich wie Demjanjuk nicht aus Deutschland stammen, aber nach deutschem Gesetz verantwortlich sind.“ Ein Prozess gegen den 88-Jährigen könne deshalb als „Musterfall“ gelten.

In seiner bisherigen Wahl-Heimat USA war Demjanjuk vor kurzem endgültig die US-Staatsbürgerschaft aberkannt worden. der 88-Jährige soll abgeschoben werden. Bislang war aber noch kein Land bereit, Demjanjuk aufzunehmen.

Quelle: ayd/dpa

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Rechtes Gedankengut viel weiter verbreitet

Studie offenbart Hang zu „autoritären Strukturen“

Leipzig/Berlin. Ausländerfeindlichkeit ist einer Studie zufolge in Deutschland wesentlich verbreiteter als bislang angenommen. Teilnehmer einer Gruppendiskussion hätten ablehnende Haltungen gegenüber Ausländern „mit besorgniserregender Selbstverständlichkeit“ geäußert – auch solche Personen, die in einer Studie nicht durch rechtsextreme Einstellungen aufgefallen waren“, berichtet am Mittwoch der Psychologe der Universität Leipzig.

Die Studie wurde am Abend in Berlin vorgestellt. Psychologen und Soziologen hatten 5000 Deutsche bundesweit auf ihre Zustimmung zu rechtsextremen Aussagen befragt. In einer zweiten Runde wurden 150 Teilnehmer zu Gruppendiskussionen eingeladen. „Erschreckend war für uns, wie gern die Befragten auch die bescheidenste Demokratie gegen autoritäre Strukturen eintauschen würden, in denen vermeintlich Ordnung, Ruhe und Chancengleichheit herscht“, sagte Decker.

Quelle: dpa

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Weltkriegsmunition tötet Arbeiter

WDR berichtet am 17. Juni 2008:

Ein 49-jähriger Arbeiter ist Dienstagmorgen in Hünxe von einer explodierenden Weltkriegsgranate getötet worden.

Das teilte die Bezirksregierung Düsseldorf mit. Die Detonation habe sich um kurz nach neun Uhr in einer Sägeanlage des Betriebs ereignet. Der 49-Jährige starb, weitere Menschen kamen nicht zu Schaden. Es entstand Sachschaden in noch unbekannter Höhe. Der Munitionszerlegebetrieb (MZB) hatte mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs seine Arbeit aufgenommen. Das aktuelle Unglück war nach offiziellen Angaben der erste tödliche Unfall, der sich im Betrieb ereignete.

„Der Verstorbene war seit 20 Jahren im Bereich der Munitionsvernichtung und seit einem Jahr in Hünxe tätig“, sagt Joachim Schmidt, Leiter des Dezernats Kampfmittelbeseitigung bei der Bezirksregierung Düsseldorf. „Ein sehr erfahrener Kollege.“ Noch sei es völlig unklar, wie es zu dem Unfall kommen konnte.

In dem Betrieb in Hünxe werden Munitionsfunde aus dem Zweiten Weltkrieg entschärft und vernichtet. Während in NRW gefundene Bomben ausschließlich in Ringelstein bei Büren vernichtet werden, ist der Hünxener Betrieb für kleinere Sprengkörper wie Minen, Granaten und Handgranaten zuständig. Acht Mitarbeiter vernichten hier nach Auskunft der Bezirksregierung durchschnittlich 150 Tonnen Sprengkörper im Jahr. In großen Öfen wird bei hoher Temperatur der Sprengstoff ausgebrannt. Der Schrott wird an anderer Stelle recycelt.

Knapp die Hälfte der Luftangriffe gegen Deutschland im Zweiten Weltkrieg richteten sich gegen Ziele im heutigen Nordrhein-Westfalen. Die Großstädte an der Rheinschiene und im Ruhrgebiet wurden dabei besonders intensiv bombardiert. Insbesondere in den Innenstädten, an Verkehrsknotenpunkten und auf dem Gelände ehemaliger Industrieanlagen finden sich noch heute nicht gezündete Bomben und Granaten. Nach Auskunft des NRW-Innenministeriums wurden allein im Jahr 2006 1.077 Bomben und 27.833 Granaten geräumt – insgesamt waren es über 40.000 Sprengkörper aller Art. Die Kosten der „Kampfmittelbeseitigung“ betrugen im selben Jahr etwa 20,5 Millionen Euro. Für 2007 liegen noch keine Statistiken vor.

Quelle: WDR

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Schicksal im Stein

WAZ schreibt am 17.06.2008:

Der Kölner Künstler Gunter Demnig verlegte schon
über 15 000 Stolpersteine in Deutschland, um direkt vor ihrem Haus an die Menschen zu erinnern, die den Nationalsozialismus nicht überleben sollten

Münster. Er sagt einfach nichts. Trägt seinen Filzhut tief ins Gesicht gezogen, einen Knieschoner am rechten Bein und wirkt in dem weit geöffneten Jeanshemd beinahe wie ein Handwerker. So wie er da auf dem Bürgersteig mit Kelle, Boschhammer und Zement hantiert, ohnehin. Wären da nicht die Jugendlichen um ihn herum, die rote Rosen in den Händen halten und konzentriert, ja, durchaus andächtig einem ihrer Klassenkameraden zuhören, der aus einem Brief vorliest: „Lieber Paul, wir sind etwa so alt wie Du, als Du sterben musstest. . .“

Gunter Demnig, der Mann auf dem Bürgersteig, er schweigt und macht seine Arbeit. Wie oft hat er solch eine Szene schon erlebt! Er, da unten am Boden, Steine klopfend, ein zehn mal zehn Zentimeter großes Loch aushebend, um zum Schluss, bevor er den Stolperstein einzementieren wird, dessen metallische Oberfläche noch einmal mit dem Ärmel seines Hemdes zu polieren. 15 200 solcher Stolpersteine hat er schon verlegt, Gedenksteine also für Opfer des Nationalsozialismus, für Deportierte, Ermordete, in Flucht oder Selbstmord Getriebene.

Messingglänzend liegen sie zwischen Bürgersteinplatten, unauffällig, leicht zu übersehen. Und doch, wer von ihnen weiß, wer auf sie achtet, stolpert dann und wann über sie. In Münster, in Essen, in Hamburg wie in Berlin und in der Provinz: „Hier lebte. . ., Hier wohnte. . ., Hier wirkte. . .“. Ein Name. Ein Geburtsjahr. Ein Schicksal, gekennzeichnet durch das Datum der Deportation, des Todes, etwa in einem der Konzentrationslager. 15 200 Steine, und es mögen noch ein paar mehr sein.

Und der Mann, der so aussieht wie ein Handwerker, aber ein Künstler ist, er hat sie erfunden, sie haben sich ihm quasi auf den Weg gelegt, haben sich als Idee in seinem Kopf festgesetzt, haben ihn politischen Widerstand brechen lassen, bis man überall im Land, von Nord bis nach Süd, auf diese Art erinnern wollte.

Dass der Mann auch reden kann, und zwar durchaus leidenschaftlich, erfahren wir zwischen zwei Stein-Verlegungen, es sind die fünfte und sechste an diesem Tag. Den Filzhut hat er abgelegt, gönnt sich nach getaner Arbeit einen Teller Fisch und Bratkartoffeln in Münsters Traditionskneipe Pinkus Müller und erzählt. . . Von sich als jungem Künstler in seiner Heimatstadt Berlin, wo er 1970 mit Totenköpfen anstelle von Sternen auf einer US-Flagge gegen den Vietnam-Krieg anmalte. Von seinen ersten Versuchen, mit Schrift eine Spur zu legen, in dem Fall – es war 1980 – quer über den Asphalt von der Kunstakademie Kassel zum noch jungen Pariser Centre Pompidou. „Wann bist Du ein Künstler?“ war die Frage, mit der sich der damals 33-jährige Absolvent der Akademie gerade intensiv auseinandersetzte.

1985, da hat Gunter Demnig in Köln bereits ein eigenes Atelier, bedruckt er einen 16 Kilometer langen Weg bis zur Deutzer Messe mit einem Schriftzug, der auf die Deportation von 1000 Sinti und Roma von dort aus aufmerksam machte. „Es war in der Südstadt, als eine Frau plötzlich zu mir sagte ‚Guter Mann, hier haben keine Zigeuner gelebt!‘ und mir wurde klar, dass kaum jemand von ihnen wusste. Die Sinti waren katholisch, lebten assimiliert nebenan“, erinnert sich der heute 60-Jährige.

In diesem Moment war die Idee geboren, „die Namen wieder dahin zurück zu bringen, wo die Leute gewohnt haben“. Der Weg dorthin, er war steinig. Nicht nur wegen der vielen Ämter, die involviert waren. 1996 in Berlin beteiligte sich Demnig an der Ausstellung „Künstler forschen nach Auschwitz“ und befand „nach ein paar Bier“: „Wir machen das jetzt einfach!“ Einen Tag nur benötigte er, um 50 Steine in die Berliner Oranienstraße einzubetten, wo einst viele Juden wohnten. Demnig: „Erst Monate später, bei Bauarbeiten, fielen der Verwaltung die Steine auf. Da waren sie schon als Denkmale akzeptiert.“

Sie sind Erinnerung. Sie sind sehr konkret, weil sie zeigen, nicht irgendwo in dieser Stadt lebten Juden, Homosexuelle, Widerständler, sondern genau hier. In dieser Straße, in diesem Haus. Ein Blick entlang der Fassade, der Name am Boden. 70 Jahre. So lang ist das nicht. Paul, der Junge aus der Straße An den Bleichen in Münster, war 16 Jahre alt, als er im Ghetto von Riga umgebracht wurde.

Kürzlich, es war bei einer Verlegung in Freiburg, da kam ein Enkel aus Israel angereist, was häufiger passiert. Der sagte zu Gunter Demnig anschließend: „Wir wissen nicht einmal wie er aussah! Es gibt keine Fotos.“ Wenig später, erzählt der Künstler, sei ein Mann aus dem Haus gekommen, habe ein Fotoalbum aufgeschlagen und gesagt: „So sah er aus. Er war mein Klassenkamerad.“ In solchen Momenten, sagt Demnig, „weiß ich, warum ich das mache!“.

WAZ. Artikel von Hayke Lanwert

Aktionsgemeinschaft Stolpersteine Dorsten – Verlegung von Stolpersteinen für das Ehepaar Reifeisen.
Bericht und Fotos auf GELSENZENTRUM

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Gesuchter NS-Verbrecher in Klagenfurt

The SUN, UK schreibt am 16. Juni 2008:

Ein alter Mann sitzt inmitten von Fußball-Fans in einem Café in Klagenfurt. Er genießt die Atmosphäre in der österreichischen EM-Stadt sichtlich. Es ist der NS-Verbrecher Milivoj Ašner.

Milivoj Ašner war als Chef der Ustascha-Polizei in Požega (Kroatien) verantwortlich für die Deportation Tausender Juden, Roma und Serben in die Konzentrationslager des Dritten Reiches. Ašner steht auf der Liste der meistgesuchten NS-Verbrecher des Simon-Wiesenthal-Zentrums an vierter Stelle. Der Vorwurf: Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Dass er dennoch ein Leben in Freiheit genießt, verdankt er den österreichischen Behörden: Sein Gesundheitszustand sei zu schlecht für einen Prozess in seinem Heimatland Kroatien.

Von Gebrechen bei dem 95-Jährigen in Klagenfurt allerdings keine Spur. Ein Reporter-Team beobachtete Ašner, wie er zusammen mit seiner zweiten Frau Edeltraut gut gelaunt durch die Innenstadt spazierte – ohne Gehilfe, nahezu unbeschwert. Hin und wieder ein Plausch mit Fußball-Fans oder eine Erfrischung zwischendurch. Der Chef des Jerusalemer Simon-Wiesenthal-Zentrums, Dr. Efraim Zuroff, sagte gegenüber „The Sun“: „Milivoj Ašner genießt ein Leben, das zehntausenden Opfern der Nazi-Zeit verwehrt geblieben ist.“

Zuroff fordert nun die sofortige Auslieferung Ašners. „Die kroatischen Behörden sind bereit, ihm sofort den Prozess zu machen.“ Doch Österreich schützt ihn. In Kroatien geboren, flüchtete Ašner 1945 nach Österreich. Nach der Unabhängigkeit Kroatiens kehrte er in seine Heimatstadt Daruvar zurück, bis ihm die kroatischen Behörden wegen Kriegsverbrechen den Prozess machen wollten. Er floh zurück nach Klagenfurt. Seine österreichische Staatsangehörigkeit hat ihn bislang vor einer Auslieferung bewahrt.

Quelle: „The SUN“ (Britische Tageszeitung)

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Die Stasi raubte KZ-Opfern das Zahngold

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Im November 1970 kommen drei ehemalige Häftlinge des KZ Sachsenhausen nach Jamlitz. Sie wollen erkunden, ob man dort, wo sich bis 1945 ein Außenlager des KZ befand, eine offizielle Gedenkstätte einrichten kann.

Die drei Abgesandten stoßen auf ein Gerücht unter den wenigen hundert Dorfbewohnern In Jamlitz, ein Dorf im Südosten Brandenburgs: Angeblich gibt es ein großes Massengrab mit KZ-Opfern, die im Februar 1945 von der SS ermordet wurden. Damit besteht Handlungsbedarf für die DDR-Behörden; also werden die Toten des KZs exhumiert, insgesamt 577 Körper, überwiegend von ermordeten jüdischen Zwangsarbeitern.

So weit, so normal im historisch kontaminierten Deutschland. Was danach passiert, ist allerdings alles andere als normal. Ein Mitarbeiter der Ost-Berliner Generalstaatsanwaltschaft verfasste seinerzeit einen Vermerk: „Die Opfer bei Staakow weisen zum Teil viel Zahngold auf. Dieser Faktor darf bei einer Umbettung nicht ganz unbeachtet bleiben.“ Er bleibt nicht unberücksichtigt: Den weitgehend verwesten Leichen entnehmen Männer der Staatssicherheit insgesamt 1080 Gramm Zahngold, bevor die Leichen entgegen dem jüdischen religiösen Recht eingeäschert werden. schließlich wird das Gold einer „Abteilung Finanzen“ übergeben, wie ein erhaltenes Stasi-Protokoll beweist.

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Der ortsansässige Historiker Andreas Weigelt hat diese Erkenntnisse seit 1999 dokumentiert. Auch ein Schülerforschungsprojekt der Amadeu Antonio Stiftung hatte vor zwei Jahren die diesbezüglichen Stasi-Akten durchsucht und war auf ein besonders groteskes Dokument gestoßen, das bestätigt, worauf Weigelt bereits hinwies: Der geldgierige DDR-Geheimdienst hatte registriert, dass viele der Gebisse Zahngold enthalten und beschloss, diese herauszubrechen. So wurde laut einem Übergabeprotokoll am 2. Juni 1975 „eingeschweißt in einem Plastebeutel“ 1080 g. Zahngold „zur Abverfügung“ an die Abteilung Finanzen der damaligen Stasi-Hauptabteilung IX/12 übergeben, also rund ein Kilogramm. Was mit dem Erlös geschah, ist nicht festgehalten.

Erschütternd daran: Nicht wesentlich anders haben es auch die Nazis gehalten – der SS-Hauptsturmführer Bruno Melmer lieferte ab 1942 insgesamt 76 Mal Zahngold bei der damaligen Reichsbank ab. Es war in den Vernichtungslagern aus den Kiefern ermordeter Juden heraus gebrochen worden.

Quellen: Newsletter der Amadeu Antonio Stiftung, Website www.die-lager-jamlitz.de, Forschungsbericht Andreas Weigelt

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Grünes Licht für eine Untersuchung

WAZ Gelsenkirchen schreibt am 06.06.2008:

Halfmannshof: Stadt will Rolle der Künstersiedlung in der NS-Zeit von Historikern durchleuchten lassen. Publikation geplant

Die Geschichte der Künstersiedlung Halfmannshof in der NS-Zeit wird wissenschaftlich aufgearbeitet. Bildungsdezernent Manfred Beck kündigte gegenüber der WAZ an, dass die Stadt eine solche Untersuchung in Auftrag geben werde. Wie berichtet, hat eine geplante Aktion des Internet-Forums Gelsenkirchener Geschichten (siehe Kasten) eine öffentliche Debatte über die Rolle der Siedlung und ihres Künstlers Hubert Nitsch ausgelöst. Nach anfänglicher Ablehnung durch den Sprecher der Siedlung hat sich der Halfmannshof geschlossen für eine Aufarbeitung ausgesprochen. „Aus unserer Sicht ist es für die Stadt wichtig, mehr zu erfahren“, so Manfred Beck. Das sehe auch der OB so. Das Institut für Stadtgeschichte (ISG) soll eine solche Untersuchung durchführen.

Die Recherche sei aber zeit- und kostenintensiv: Das ISG müsse in Berliner Archiven aufwändige Nachforschungen anstellen; für diese Zeit müssten Honorkräfte für die „normale“ Arbeit des Instituts verpflichtet werden. Außerdem müsse am Ende dieses Prozesses eine Publikation stehen. Auf rund 30 000 Euro schätzt Manfred Beck die Kosten. Der sich zurzeit gründende Förderverein der Siedlung habe signalisiert, einen Teil zu übernehmen. Außerdem sollen weitere Sponsoren angesprochen werden. An den Finanzen werde dieses Projekt aber nicht scheitern: „Die Stadt wird die Differenz tragen“, so Beck. loc

„Der Lachende“
Die Gelsenkirchener Geschichten haben auf ihrer Homepage die Diskussion angestoßen, ob sie Hubert Nietschs Skulptur „Der Lachende“ aus Lieberhausen nach Gelsenkirchen holen sollen. Daran entzündete sich die Debatte über die Rolle dieses Halfmannshöfer Künstlers in der NS-Zeit.

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Video

Reise nach Buchenwald

Film von der Gedenkveranstaltung zum 62. Jahrestag der Selbstbefreiung des KZ Buchenwald am 15. April 2007. Ehemaligen Häftlinge singen das „Buchenwaldlied“.

Erfahren Sie mehr über das KZ Buchenwald – Auch in Gelsenkirchen befand sich ein Außenlager des KZ Buchenwald. Das Gelsenberg-Lager in Gelsenkirchen-Horst befand sich 1944 auf dem Gelände der Gelsenberg Benzin AG.
Link: GELSENZENTRUM – Das Gelsenberg-Lager

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Mahnmal für Homosexuelle NS-Opfer eingeweiht

Am 27. Mai 2008 wurde in Berlin das Mahnmal für die schwulen und lesbischen Opfer des Nationalsozialismus eingeweiht. Mehr als 500 geladene Gäste waren gestern anwesend, als Kulturstaatsminister Bernd Neumann im Berliner Tiergarten das Mahnmal einweihte. „Mit der heutigen Einweihung erinnern wir an eine Opfergruppe, die in der öffentlichen Wahrnehmung lange Zeit fast keine Beachtung fand“, bilanzierte der Politiker. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit betonte in seiner Rede, dass „das Stigma der Abnormalität von Homosexualität“ bis heute existiere und sich in Schwulenwitzen, Diskriminierung am Arbeitsplatz und offener rechtsextremer Gewalt gegen Schwule
und Lesben äußere.

Das Frauenmagazin „EMMA“ kritisierte etwa, dass der Entwurf „eindeutig gegen die Ausschreibung verstoße, weil er das Leiden lesbischer Frauen während des Faschismus nicht ausreichend würdige.

Der Historiker und Politologe Peter Reichel erneuerte indes seine Kritik an der Denkmalpolitik der Bundesrepublik. Deutschland mache es sich zu einfach, indem es sich mit den Opfern des Nationalsozialismus beschäftige und sich nicht mit der Frage nach der Täterschaft auseinandersetze, sagte er im Deutschlandradio. Die linke Bundestagsabgeordnete Barbara Höll dagegen begrüßte die Einweihung des Denkmals und wertete die Eröffnung durch den CDU-Minister „als Zeichen der zunehmenden Toleranz gegenüber Schwulen und Lesben“. Schwullesbische Organisationen kritisierten den Minister jedoch, weil er sich geweigert habe, die im Mahnmal zu sehende schwule Kuss-Szene als Bild auf den Einladungskarten zur Einweihung zu drucken.

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